Die einen bauen auf. Die anderen checken ein. Die einen bringen alles mit.
Die anderen finden alles vor. Auf Lühesand trifft Wohnwagen mit Vorzelt auf klimatisierte Ferienwohnung mit Badewanne und schnellem Internet. Die einen leben
Camping. Die anderen erleben Glamping. Lühesand-Neubetreiber Philipp Köhnken setzt genau hier an: Sein Konzept soll beide(s) zusammenbringen.
Verschollen – im besten Sinne. So beschreibt Philipp Köhnken (39) aus der Elbmarsch seine Idee vom Urlaub auf Lühesand, einer teilweise unter Naturschutz stehenden Insel in der Elbe zwischen Wedel und Altem Land. Denn im Gegensatz zu anderen Elbinseln ist Lühesand betretbar. Ein paar Minuten mit der Fähre, und der Takt des Festlands fällt ab. Natur pur auf dem 124 Hektar großen Eiland. Rund 60 Vogelarten zirpen und zwitschern, die Schafe blöken, ein Seeadler zieht seine Kreise, ein Schiff gleitet vorbei und hinterlässt gleichmäßige Wellen am Ufer. Idylle pur — mit Wasser, Strom und WLAN.
Das Motto: verschollen. Deshalb heißt die bald renovierte Gaststätte in der Inselmitte „Club Wilson“ – gedacht als Treffpunkt für alle. Der Lühesand-Betreiber greift damit den Film Cast Away/ Verschollen mit Tom Hanks auf – und ein Bild, das viele kennen: ein roter Handabdruck auf einem Volleyball namens „Wilson“, Gegenüber und Gesellschaft zugleich. Genau dieser Abdruck bildet das neue Logo der Familieninsel ab.
Philipp hat reichlich Bilder im Kopf. Eines wird aktuell gezimmert. Die neue Terrasse zum Gasthaus, von der aus jetzt auch wieder die Elbe und das Festland zu sehen sind. Zu Beginn seiner Amtszeit lag alles im Dornröschenschlaf: Hagebuttenhecken umzäunten das Haus inmitten der Insel, hohe Birken versperrten Weg und Sicht. Der neue Pächter verschaffte dem Gebäude und damit seinen Gästen freie Sicht. Freiheit. Denn das sei es, was die Insel ausmacht. Deshalb hat er das Wort auch im Logo verankert. Camping – Resort – Freiheit. Das ist es, was er den Menschen auf Lühesand geben will.
Bis dahin ist viel zu tun
Die Insel soll einen Relaunch bekommen. Der Anleger wird neu verkleidet. Rund um den „Club Wilson“ entsteht ein Spielbereich aus Elbsand – mit Beachvolleyballfeld und Hüpfburgen. Ende Juli soll das erste von vielen Ferienhäusern fertig sein: vier Schlafplätze, Badewanne, Küche, Klimaanlage. Als Vater von drei Kindern unter zehn Jahren will Köhnken Familien bewusst einen fertigen Rückzugsort bieten. „Kinder bekommen hier Sicherheit und Ruhe zum Spielen und Entdecken.“ Richtung Ufer ist ein Ruhebereich geplant, für größere Gruppen ein Areal mit Tipi-Zelten. Er will damit auch Schulen und Kitas ansprechen.
Der Fokus liegt auf dem Campingplatz. „Das ist der schönste Platz, den ich jemals gesehen habe“, sagt der Betreiber. Die Weite, der Blick auf die Elbe, die Ruhe – keine Zäune, keine Hecken. Das sei einmalig.
Jeden Tag pendelt Philipp Köhnken von seinem Heimatort in der Winsener Elbmarsch nach Grünendeich, setzt mit der Fähre über auf die Insel. Seine Erfüllung. „Ich glaube, wenn ich das nicht machen würde, wäre ich Landwirt geworden“, sagt der gelernte Kaufmann. Am wirkungsvollsten sei er draußen, dort, wo etwas entsteht. Also packt er an, wo er kann. Auch im Bagger. Philipp Köhnken kennt das Geschäft. Gemeinsam mit seiner Frau Nora führt er seit 2009 den Campingplatz Stover Strand südlich von Hamburg, bekannt für nachhaltige Konzepte und moderne Strukturen. Während Nora Köhnken den Betrieb dort weiterführt, übernimmt der 39-Jährige künftig Lühesand.
„Lühesand-Betreiber Holger Blohm hört auf.“
1933 legte Heinrich Blohm den Grundstein für den Campingplatz – seitdem war er in Familienhand. Die Schlagzeile über das Aus des alten Betreibers lässt Philipp Köhnken vor zwei Jahren aufhorchen. Hatte er vorher von Lühesand noch nie gehört. Eine Stunde später steht er am Fähranleger im Alten Land. An einem Mittwoch. Dass die Fähre ihn Mittwochs nicht befördern würde, wusste er nicht. Also steht er am nächsten Tag wieder da. Gewillt, die Elbinsel kennenzulernen. Wenige Monate später sitzen er und seine Frau Nora im Rathaus der Samtgemeinde Lühe und unterzeichnen einen Pachtvertrag über 18 Jahre. Nach mehr als 1000 Anfragen aus ganz Deutschland und einer sorgfältigen Auswahl fiel die Entscheidung einstimmig auf die Familie Köhnken. „Mit ihrer Erfahrung und ihrem Engagement haben Nora und Philipp Köhnken die besten Voraussetzungen, um die Einzigartigkeit von Lühesand zu erhalten“, so Samtgemeindebürgermeister Timo Gerke.
Abgeschiedenheit durch Abgeschnittenheit
„Lühesand ist etwas ganz Besonderes“, sagt Philipp Köhnken. Kegelrobben am Anleger, Seeadler mit Jungvögeln, Hasen, dazu unzählige Vogelarten. „Das ist mir bewusst – und diese Ruhe und Abgeschiedenheit will ich bewahren.“ Seine Arbeit ist ein Abwägen zwischen Wirtschaftlichkeit und unternehmerischem Anspruch auf der einen Seite, und dem Erhalt dieser Oase auf der anderen. Dass er die Pacht übernommen und den Platz neu ausgerichtet hat, wurde nicht von allen vorbehaltlos aufgenommen. Unter den Dauercampern gibt es Skepsis – auch wegen steigender Preise im Zuge der geplanten Modernisierung. Einige von ihnen kommen seit Jahrzehnten auf die Insel.
Von rund 70 bisherigen Dauercampern ist bislang ein Dutzend zurückgekehrt. Sie haben ihre Plätze bereits am letzten Märzwochenende wieder bezogen – noch unter eingeschränkten Bedingungen. Andere haben sich zurückgezogen oder warten ab. Die anderen wurden aufgefordert, ihre Plätze zu räumen und zurückzubauen. Viele sind gekommen, aber nicht alle. Die Entsorgung übernimmt die Betreiberfamilie nun auf eigene Kosten. „Wir arbeiten mit Geduld und Spucke.“ Und Zeitverlust. Die Saisoneröffnung musste mehrfach verschoben werden.
Der offizielle Saisonstart ist nun für Ende Mai geplant. Auf der Insel wird mit Hochdruck daran gearbeitet. Erste „alte“ Camper sind schon da. Gleichzeitig kommen neue Gäste, auch durch die mediale Aufmerksamkeit.
Für Interessierte ist das Angebot bewusst offen gehalten: vom ganzen Sommer bis zum kurzen Abstecher. Saisoncamper richten sich für Monate ein, andere kommen mit dem Zelt für ein paar Tage oder spontan als Tagesgäste. Die Personenfähre bringt sie in wenigen Minuten von Hollern-Twielenfleth auf die Insel. Am Steuer: Urgestein Holger Blohm. So wie seit 40 Jahren. Hier hat sich nichts geändert. „Ich bin froh, ihn zu haben“, sagt Köhnken. „Er ist fachlich und menschlich eine Bereicherung.“
Unterstützung bekommt er auch von Betriebsleiter Manfred Gronau. Gemeinsam mit seiner Frau Melanie zieht er in die Wohnung im Obergeschoss und lebt während der Saison auf der Insel. Neben der Gastronomie ist das Paar Ansprechpartner für Gäste und Camper.
„Ich würde es immer wieder tun.“ – Philipp Köhnken
Alles ist noch im Aufbau. Trotz aller Hindernisse und Verzögerungen würde Köhnken alles wieder so machen. Das Projekt wird Ende Mai nicht abgeschlossen sein. Seine Pläne reichen über die kommenden drei Jahre hinaus. An Ideen mangelt es nicht: ein Pool zum Planschen, ein Coworking-Space für alle, die Ruhe zum Arbeiten suchen, dazu eine Holzwerkstatt oder ein Kino für Kinder und ein Waschsalon. Und: Ziel ist es, den Weg für Gäste aus Hamburg so einfach wie möglich zu machen. Im Gespräch ist eine zusätzliche Fährverbindung zwischen Lühesand und Wedel. Oder ein Anlegeplatz für private Boote. Lühesand soll sich weiterentwickeln.
Philipp Köhnken liebt seine Insel. Lühesand soll wachsen – aber nicht um jeden Preis. Hochzeiten, Feiern, neue Gäste, ja. Massentourismus kommt nicht infrage. Nur das, was zur Insel passt.

Text: Mona Adams · Fotos: Volker Schimkus

