(c) Wolfgang Stephan
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Millionenschwerer Abschied mit Herz.

Wie  AIRBUS in Finkenwerder ein neues Flugzeug an Condor ausliefert – der Schluss-Akkord erinnert an die KfZ-Zulassungsstelle

16:34 Uhr

an einem bewölkten Julinachmittag. Acht Menschen stehen am Rand der Startbahn in Finkenwerder und winken einem Flugzeug hinterher. Keine Touristen, keine Spotter. Sie verabschieden einen Airbus A321neo mit der Seriennummer 13425 und dem Kennzeichen D-ANLE – einen Flieger, den sie in den vergangenen Tagen fast rund um die Uhr begleitet haben, und dem sie mit Wehmut hinterherblicken. Beobachtet von DEICHLUST-Reporter Wolfgang Stephan.

Langsam rollt die Maschine auf die Startbahn. Die blau-weißen Condor-Ringe leuchten selbst unter der grauen Wolkendecke. Wenige Sekunden später hebt der Jet ab, zieht über die Elbe nach Süden und verschwindet in den Wolken. Es ist der Schlusspunkt einer fünf Tage dauernden Reise. Nicht für Passagiere – sondern für das Flugzeug.  

Während ein neues Auto innerhalb weniger Stunden übergeben wird, dauert die Auslieferung eines Airbus fast eine Arbeitswoche. Es geht um Millionenwerte, um Sicherheit, um Verträge – und überraschend auch um Emotionen. „Ob ich am Steuer eines neuen Autos sitze oder im Cockpit eines neuen Flugzeugs – die Gefühle sind gleich. Es riecht gleich, es fühlt sich einfach großartig an“, sagt Condor-Pilot Richard Egerer. Er durfte den nagelneuen Airbus A321neo als Erster für Condor nach Frankfurt fliegen. Ein besonderer Moment. Denn bei allen Testflügen zuvor gehörte die Maschine noch Airbus.

Die Auslieferungswoche beginnt am Montagmorgen. Im Airbus Delivery Center, dem fast 450 Meter langen Flachbau am Neßdeich, beziehen sechs Condor-Mitarbeitende für vier Tage ihr provisorisches Büro. Danach geht es ohne Umwege hinaus zu den Standplätzen vor dem Delivery-Komplex. Zum ersten Kennenlernen. „Das mache ich beim Autokauf schließlich auch“, sagt Michael Lass und lacht. Der Nottensdorfer gehört zu den erfahrensten Mitarbeitern im Airbus-Auslieferungsteam. Als „Aircraft Conformity Manager & Aircraft Certifying Staff“ ist er mit der besonderen Qualifikation von der europäischen Luftfahrtbehörde EASA ausgestattet, mit der er fabrikneue Flugzeuge für die Auslieferung zertifizieren darf.Er kümmert sich in der Auslieferungswoche um die technischen Dokumentationen und stellt sicher, dass der Flieger der vereinbarten Definition entspricht – sprich mit den bestellten Komponenten auch gebaut ist.   „Mit meiner letzten Unterschrift wird aus einem Haufen Blech ein Flugzeug.“ Ein Satz, den wohl nur einer im Wortschatz hat, der seit Jahrzehnten Flugzeuge übergibt. Michael Lass hat bei Airbus mit die größte Erfahrung bei den Auslieferungen: 979 Flieger stehen in seiner persönlichen Bilanz, nächstes Jahr sind die 1.000 erreicht.

Insgesamt will der Konzern weltweit in diesem Jahr rund 870 Flieger ausliefern, die meisten aus der A320-Familie, dem Verkaufsschlager des Konzerns. Den größten Anteil bei den Auslieferungen dürfte das Delivery-Center in Finkenwerder haben. Detail-Zahlen zu den einzelnen Endmontage-Standorten (von Finkenwerder über Toulouse und Tianjin (China) bis nach Mobile (USA) nennt der Konzern nicht. Im Sprachgebrauch reden die heimischen Flugzeugbauer „von einem fertiggestellten Flugzeug pro Werktag aus der Endmontage“, das dann entsprechend aus Finkenwerder ausgeliefert wird.

Vier Tage dauert die Prozedur

„Das ist immer wieder spannend und je nach Nationalität der Kunden nie gleich“, sagt Jessica Marx, die Airbus-Managerin, die die Auslieferungen an Condor betreut. Als „Customer Acceptance and Delivery Manager“ zählt die deutsche Fluggesellschaft Condor zu ihren wichtigsten Kunden. Sie betreut das Airbus-Auslieferungsteam, ist aber schon lange vorher mit dem Bau des Fliegers beschäftigt. Jessica Marx ist aus Airbus-Sicht die verantwortliche Managerin für die Condor-Flotte.

In den vier Tagen wird das neue Flugzeug auf Herz und Nieren geprüft, ähnlich einem medizinischen Check-up.  Es beginnt mit einem Testflug, bei dem der Condor-Pilot erstmals das neue Flugzeug zusammen mit einem Airbus-Testpiloten fliegen darf. „Zu dem Zeitpunkt ist das noch unser Flieger“, sagt Michael Lass, der sich nicht an irgendwelche größeren Probleme bei einem Premieren-Flug eines Kunden erinnern kann. Zuvor hatte der neue Airbus diverse Härtetests bei einem Airbus-internen Testprogramm bestanden. Dazu zählen beispielsweise ein Startabbruch, Durchstarten oder ein 30-Grad Steigflug mit anschließendem steilen Sinkflug. Dann wird das Flugzeug auch kurzzeitig in vergleichsweise extreme Schräglagen mit bis zu 67 Grad gebracht. Rund 45 Ingenieure und Testpiloten absolvieren in Finkenwerder mehrere Test- und Kundenflüge am Tag, ausschließlich mit den Fliegern aus dem erfolgreichen A320-Programm. Bei den Tests vor der Auslieferung geht es vor allem darum, zu prüfen, ob auch alle Warnsysteme und Schutzmechanismen wie vorgesehen funktionieren. 

„Das Gefühl, ein neues Flugzeug zu fliegen, ist immer wieder großartig“, sagt Kapitän Richard Egerer, der nach seinem Flug am Montag die Maschine seinen Kollegen überlässt, die vor allem die Verarbeitung und Ausstattung unter die Lupe nehmen. Jeder Sitz wird kontrolliert, jede Klappe geöffnet, jede Toilette getestet.

Wird etwas beanstandet, erfolgt an Ort und Stelle die Nacharbeit. „Üblicherweise sind das Kleinigkeiten, mal ein Fleck auf einem Sitz oder eine klemmende Toilettentür“, sagt Jessica Marx, die noch keine Auslieferungsprozedur wegen größerer Schäden verlängern musste. 

Am Donnerstag wird gefeiert

Die finale Phase wird am dritten Tag eingeläutet. Wenn die technische und kosmetische Abnahme durch das Condor-Team erfolgt ist, heben Michael Lass und seine Kolleginnen und Kollegen die Daumen. Dann sind die Finanziers auf den Plan gerufen. Der Airbus A321neo gehört zunächst der Leasinggesellschaft SMBC Aviation Capital, die sie anschließend an Condor verleast. Mittlerweile sind derlei Leasinggesellschaften ein wichtiger Faktor in der Luftfahrt. Der Preis für ein neues Flugzeug hängt auch wie beim Auto von der Ausstattung ab oder auch der Größe der Bestellung. Airbus nennt keine offiziellen Listenpreise, dies ist Verhandlungssache mit den Airline-Kunden. 

Um 16.38 Uhr hebt der Airbus A321neo gen Frankfurt ab. 

Sobald alle Arbeiten am Flieger abgeschlossen sind, setzt Michael Lass seine Unterschrift auf das „Statement of Conformity“-Formular. Lass: „Das ist praktisch die Geburtsurkunde eines Flugzeugs.“. Dann folgt der so genannte „Transfer of Title“ – die offizielle Besitzübergabe des Flugzeuges.  Mit diesen Dokumenten kann das Condor-Team am nächsten Tag zur Zulassung zum Luftfahrt-Bundesamt nach Braunschweig fahren. 

Davor allerdings wird gefeiert. „Je nach Airline wird das unterschiedlich zelebriert“, sagt Jessica Marx mit vielsagendem Lächeln „Wir stoßen dann gemeinsam auf den Erfolg an – und es gibt traditionell ein gemeinsames Essen.” „Einen neuen Flieger bekommen wir schließlich nicht jeden Tag“, sagt die Condor-Pressesprecherin Johanna Tillmann.

17 Airbus der A320-Familie hat Airbus bereits an Condor ausgeliefert. Davon sieben A320neo sowie zehn A321neo.  

Nach einer kurzen Nacht fährt die Kommunikations-Managerin am frühen Morgen mit dem zuständigen Kollegen des Auslieferungsteams zur Registrierung zum Luftfahrt-Bundesamt. 

„Das ist wie bei der KfZ-Zulassungsstelle, man bekommt einen Termin, fährt nach Braunschweig und ist nach zehn Minuten mit dem Stempel auf der Zulassung wieder raus“. Eine Zulassung kann entweder vor Ort mit allen notwendigen Dokumenten veranlasst oder aber per Post erfolgen, was in der Regel jedoch mehr Zeit in Anspruch nimmt. Innerhalb bestimmter Vorgaben können sich Airlines ihr Wunschkennzeichen aussuchen. Das “D-” am Anfang steht für Deutschland als Zulassungsland. Dann folgt bei großen Verkehrsflugzeugen in der Regel ein “A”. Die weiteren drei Buchstaben schlüsseln dann Fluggesellschaft und Typ auf – hier gibt es Flexibilität für die jeweiligen Airlines.

Der Abschied ohne Schlüsselübergabe

Ab 15 Uhr am Freitagmittag setzt hektische Betriebsamkeit ein, der Flieger steht abflugbereit am Gate des Delivery-Centers, das Kurzzeitbüro wird geräumt, Richard Egerer nimmt das offizielle Bordbuch aus der Hand von Michael Lass entgegen. die letzte Formalität in dieser Auslieferungswoche. Die übliche Schlüsselabgabe entfällt – für ein Flugzeug gibt es keinen Schlüssel, die Türen sind nicht abschließbar. 

Dann schließt sich die Flugzeugtür. Die Triebwerke laufen an. Gemeinsames Winken. Der Condor-Airbus mit dem schmucken blauen Ringen setzt sich in Bewegung. Um 16.38 Uhr hebt die Airbus A321neo gen Frankfurt ab. Jessica Marx lächelt. „Alles gut gelaufen.“ Am Montag steht die nächste Auslieferung an. Noch weiß sie nicht, wer sie erwartet. Die mögliche neue Crew ist international: Azerbaijan Airlines, Indigo, TAP Portugal, Thai Airways. Auslieferungsflüge aus Finkenwerder gehen in alle Welt – die Condor ist nach 45 Minuten an ihrer Heimatbasis. Rekordhalter von der Distanz ist Air New Zealand – hier geht es dann mit mehreren Tankstopps aus Finkenwerder nach Auckland.

Deichlust

Text & Fotos: Wolfgang Stephan