Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit. Auf dem Modellflugplatz in Stade schlagen Hobbypiloten der Schwerkraft regelmäßig ein Schnippchen. Und auch wenn die Freiheit hier weit unter den Wolken liegt, erscheint sie in manchen Momenten doch grenzenlos.
18 kleine, bunte Flugzeuge aus Holz, Kunststoff oder Schaumstoff stehen aufgereiht an dem Maschendrahtzaun, der das Flugfeld sowie die Start- und Landebahn aus Gras umgibt. Auch eine kurze Hartpiste aus Beton ist zu sehen. Hinter dem Zaun lässt gerade jemand eine Drohne fliegen. Eine Windhose flattert im sonnigen Wind, mehrere Männer umringen einen großen Tisch, auf dem Kabel und Stecker, Bücher und FERNSTeuerungen – Achtung: keinesfalls Fernbedienungen, hier schaut niemand fernsehen! – liegen, und quatschen.
Unter ihnen: Henrik Hadler, 12 Jahre alt und wahnsinnig aufgeregt. Erstflug für die F-16 mit der leuchtend roten Nase, die er sich vor zwei Wochen gekauft und akribisch zusammengeklebt hat.
Freiflug bestanden
Der nagelneue Jet ist gewissermaßen Belohnung für eine bestandene Prüfung. Drei Wochen ist es her, dass Henrik Hadler sich freigeflogen hat. So nennen Modellflieger das, wenn ein Flugschüler erstmals ganz allein ein Flugzeug fliegt. Bis dahin üben sie am Flugsimulator, der jeden Fehler verzeiht, oder mit einem Lehrer in der Luft.
Möglich macht das eine Lehrer-Schüler-Anlage. Die besteht aus zwei miteinander und mit dem Flugzeug verbundenen FERNSTeuerungen für das Höhen- und Seitenleitwerk, das Querruder und den Motor und kostet etwa 500 Euro. Über einen Schalter kann der Lehrer die Hoheit über das Flugzeug an den Schüler abgeben – und sie sich ebenso schnell wiederholen. Etwa acht Stunden im Twin-Modus brauchen Flugschüler, ehe sie allein fliegen dürfen, sagt Timur Becker, 47, der Jugendwart des Vereins. Vorher müssen sie außerdem eine schriftliche Prüfung bestehen.
Freigeflogen hat sich Henrik Hadler mit einem Hochdecker, bei dem die Tragflächen wie ein Dach auf dem Flugzeugrumpf sitzen. Das sorgt für eine besonders hohe Flugstabilität. „Hochdecker sind gutmütig“, sagt Timur Becker, „die pendeln sich fast von allein in der Luft aus.“
Pilot wagt den Erstflug im Wind
In der Luft muss der Pilot gleichzeitig mehrere Dinge kon-trollieren: die Höhe, die Richtung, die Geschwindigkeit, die Motorleistung. Außerdem hat er das Wetter im Blick, um jederzeit reagieren zu können. Was sich am Boden wie eine harmlose Brise anfühlt, kann ein Modellflugzeug in der Luft ordentlich ins Schlingern bringen.
Trotz teils stärkerer Böen wagt Henrik Hadler heute das nächste Level. Sein Impeller-Jet soll das erste Mal abheben. Ein Impeller ist ein Propeller, der von einem Gehäuse umschlossen ist, weshalb er auch Mantelpropeller genannt wird. Im Vergleich zu einem freiliegenden Propeller sind Strömungsverluste an den rotierenden Blättern minimiert. Sollte der Zwölfjährige das Flugzeug allein in die Luft und heil wieder runterbringen, bekommt er ein zweites Zertifikat, das ihm das Fliegen vieler weiterer Modelle erlaubt. Die Systematik ist so: Wer ein als schwierig geltendes Flugzeug freifliegt, bekommt die Erlaubnis, leichtere Flugzeug zu steuern dazu.
Bastelschuppen für den Nachwuchs
In einem Schuppen auf dem Gelände bastelt derweil Lennox Gerken, 11, an seiner Twinstar, deren Cockpithaube sich gelöst hat. Seit dem Herbst 2025 verbringt er die Wochenenden bei gutem Wetter auf dem Flugplatz und bereitet sich auf seinen Freiflug vor. Angesichts des starken Windes wird es an diesem Tag wohl eher nichts.
Henrik Hadler kommt mit seiner F-16 zu ihm in die Werkstatt. Ein Rollversuch auf dem Rasen endete unglücklich, der Zweikomponentenkleber wird es regeln. Modellfliegen sei ein tolles Hobby, weil man auch technisch und handwerklich einiges lerne, sagt Siegfried Tzorp. „Elektrik, Mechatronik, Thermik, da ist einiges dabei. Demnächst stellt der Verein einen größeren Container auf, damit der Nachwuchs mehr Platz zum Basteln hat.
Draußen auf dem Flugfeld schlägt Frank Kohn, Vorstandsmitglied des Luftsportvereins (LSV) Günther Groenhoff, den Propeller einer Goldwing Raven an. Sein Vater Dieter hat das Heck des Flugzeugs zwischen seine Waden geklemmt. Wieder und wieder haut der Pilot auf ein Rotorblatt, bis der Zweitaktmotor (50ccm) losknattert. Frank Kohn gibt Vollgas im Leerlauf, der Motor stottert, dann Stille. „Das ist zu mager“, sagt Frank Kohn und schickt seinen Vater einen langen Schlitzschraubendreher holen. „Bei Vollgas kriegt der Motor keinen Sprit“, erklärt er und kniet sich vor den Propeller.
Kunstflugmanöver an Stades Himmel
Mit dem Schraubendreher friemelt er hinter dem Propeller im Motorraum. „Ich treff‘ das Küken nicht“, stöhnt er. Das Küken ist die Drosselklappe, die sich mit einer Schraube öffnen oder schließen lässt. „Er dreht sie auf, damit der Motor mehr Gas bekommt“, erklärt Dieter Kohn. Noch einmal schlägt der Sohn den Propeller an, der Motor röhrt, Geruch von verdampfendem Benzin erfüllt die Luft. „Der Motor muss warm sein“, sagt sein Vater, als das Flugzeug auf die Piste rollt. „Ich sehe sie schon kaputt“, murmelt er.
Vollgas. Acht Kilogramm holpern über die Graspiste, dann hebt die Kunstflugmaschine ab. „Ist das windig, Alter“, ruft Frank Kohn, den Blick konzentriert nach oben gerichtet, während seine Finger kleine Hebel bewegen. Auf den ersten Blick fällt gar nicht auf, dass es sich am Himmel nur um ein Modell handelt. Senkrecht schießt die schwarz-rote Raven nach oben. Plötzlich bricht das Heck aus, das Flugzeug stürzt auf derselben Linie dem Boden entgegen. Ein sauberer Turn. Wenig später fliegt die Raven quasi auf der Seite liegend geradeaus. Messerflug heißt dieses Manöver. Nach vier Minuten landet das Flugzeug sanft wieder auf der Erde. „Das hast du gut gemacht“, lobt der Vater den Sohn.
Modellflieger sind eigene Sparte im Luftsportverein
„Das Glücksgefühl stellt sich mit der Landung ein“, sagt Frank Kohn. Die Anerkennung für einen gelungenen Kunstflug, der Austausch in der Gemeinschaft machen für ihn das Vereinsleben aus. Der Luftsportverein Günther Groenhoff hat retwa 300 Mitglieder in den Sparten Segelflug, Motorflug sowie Modellflug. Unter den 68 Modellfliegern, die Frank Kohn als Fachgruppenleiter vertritt, ist auch eine Handvoll Jugendliche.
Dieter Kohns Lieblingsflugzeug, eine Challenger, ist kaputt. Der Motor des Doppeldeckers fiel vor vier Wochen während des Flugs aus, Strömungsabriss. Das Flugzeug crashte in die Bäume. Nun benötigt die Challenger eine langwierige Reparatur. „Ich baue leider nicht so gern, ich fliege lieber.“ Gut, dass der 85-Jährige noch ein Hobby hat: Paragliding. Das sei weit weniger gefährlich als Autofahren durch Hamburg, sagt er.
Ein Airbus über Airbus
Mit flacher Hand an der Stirn, die Köpfe in den Nacken gelegt, verfolgen die Männer auf dem Flugplatz ein weiteres Flugzeug am Himmel und malen mit ihren Körpern die Flugbewegungen nach. Ein Airbus fliegt über Stade-Ottenbeck, gleich neben dem Airbus-Werk. Vor vielen Jahren bestand Timur Becker den Eignungstest für die Pilotenausbildung nicht, eine Welt brach zusammen. Heute fliegt der Flugzeugbau-Ingenieur ganz ohne Flugschein. Er ist ein Pilot, der am Boden bleibt. Mit dem Airbus hat sich Timur Becker den Traum vom eigenen Passagierjet erfüllt.
In großen Schleifen fliegt sein Airbus über das Waldstück, saust Richtung Flugplatz und kehrt zurück über die Piste. Das Flugzeug darf den Bereich um den Modellflugplatz auch in der Luft nicht verlassen. Die Flugraumbegrenzung ist Teil der Modellflugordnung und sorgt dafür, dass die Modellflieger den bemannten Flugbetrieb auf dem benachbarten Flugplatz und die Menschen in den Wohngebieten nicht gefährden. Jeder Pilot benötigt einen Kenntnisnachweis und eine Haftpflichtversicherung für Modellflugzeuge. Ebenso verpflichtend ist die Registrierung beim Luftfahrt-Bundesamt. Dort bekommen die Hobbyflieger eine Betreiberidentifikationsnummer, die sie gut sichtbar auf jedem Modell anbringen müssen. So lässt sich ein Flugzeug im Falle eines Absturzes klar zuordnen.
Wackeliges Landemanöver im Wind
Timur Becker hat sein Flugzeug tagelang beklebt. Im Mai absolvierte er den Erstflug mit dem Scale-Modell. Scale ist das englische Wort für Maßstab; ein Scale-Modell ist also eines, das dem manntragenden Flugzeug originalgetreu und maßstabsgerecht nachgebildet ist. Bei dem Airbus über Stade stimmen nicht nur die Proportionen, sondern auch Details wie Nieten, Antennen oder Beleuchtung. Das Flugzeug schaukelt bedenklich im Wind. „Bei Wind geht es ja erst los“, sagt Frank Kohn und grinst einen Vereinskollegen an. „Es gibt natürlich auch reine Schönwetterflieger.“ „Ich habe schon genug kaputt gemacht“, sagt Thomas Struth „Wer hat das nicht?“, fragt Kohn. „Was habe ich für Flugzeuge kaputt gemacht!“
Timur Becker bringt das Flugzeug halbwegs heil nach unten. Ein Stück des Fahrwerks bricht bei der unsanften Landung ab. Keine große Sache, sagt er.
Stolzer Moment für den Lehrer
Henrik Hadler legt mit seinem Vater letzte Griffe an die F-16. „Am Simulator fliegt er ihn super“, sagt Florian Hadler. „Ich bin erstaunt, wie gut er das kann.“ Seit die beiden im vergangenen Jahr einen Flugtag besucht haben, hat den Sohn das Fliegerfieber gepackt. Sobald er 14 ist, möchte er den Segelflugschein machen.
Auf dem Flugfeld sind unterdessen Julian Barlag, 16, und Lennox Gerken an der Reihe. Julian hält die Lehrer-Steuerung für die Graupner Junior, Lennox fliegt den Motorsegler als Schüler zum ersten Mal. Ein Blick auf die Windhose, dann wirft der Lehrer das Flugzeug gegen den Wind in die Luft und gibt sofort Vollgas. Routiniert bringt er die Graupner in die Höhe, dann lässt er den Hebel los. Nun fliegt der Schüler. „Er soll sich mit dem Flugzeug vertraut machen“, sagt Julian Barlag. Ein besonderer Moment für die vielen „alten Hasen“ auf dem Flugplatz. Wenn die Jungs voneinander lernen, sei das absolut großartig, sagt Timur Becker. „Das macht mich wahnsinnig stolz.“
Königsklasse Jet
Als die Graupner Junior sicher gelandet ist, ist es so weit. Der Akku der F-16 ist vollständig geladen. „Hoffentlich geht das gut“, sagt Florian Hadler und trägt die Maschine auf die Startbahn. Frank Kohn setzt sich auf die Bank hinter dem Zaun; den großen Moment will er nicht verpassen. „Ist leider kein Düsenjäger“, sagt er. Die F-16 simuliert den Düsenjäger optisch, aber mit Elektro-Antrieb. Ein Turbinen-Düsenjäger ist so etwas wie die Königsklasse des Modellflugs: Frank Kohns Jets haben Verbrennungstriebwerke, sie klingen (und riechen) wie die großen Originale. Um diese Höllenmaschinen in die Luft zu bringen, dürfen die Modellflieger dienstags die Piste der der Kollegen nebenan nutzen.
Aller guten Dinge sind drei
Henrik Hadler gibt Gas. Die kleinen Reifen des F-16-Fahrwerks holpern über die Piste. Dann fliegt etwas, aber nicht das Flugzeug. Der Pilot sammelt die Cockpithaube ein. „Er könnte ohne fliegen, aber die Aerodynamik wäre gestört“, erklärt Frank Kohn. Timur Becker befestigt sie mit Klebeband, zweiter Versuch. Wieder fliegen Teile. Frank Kohn steht auf, geht auf die Startbahn und spricht kurz mit dem Jugendlichen. Dritter Anlauf, die F-16 schießt in den Himmel. „Guck mal, wie schön der Junge das kann“, sagt Frank Kohn und lehnt sich auf der Bank zurück. „Richtig gut macht er das.“ Die Akkus der Elektroflieger erlauben etwa 10 Minuten in der Luft.
Ein bisschen zu schnell kommt das Flugzeug wenig später zur Landung rein. Es setzt auf, wieder fliegen Teile, die Zuschauer applaudieren. Prüfung bestanden. „Neun Minuten fliegen, vier Wochen basteln“, sagt einer. Timur Becker füllt das Zertifikat aus. „Das war cool“, sagt Henrik Hadler, „viel schneller als gedacht, echt brutal. Schade, dass das Fahrwerk bei der Landung rausgebrochen ist.“ Der Tipp von Frank Kohn sei super gewesen. Bei Vollgas auf der Piste sollte er volle Höhe ziehen, um das Bugfahrwerk zu entlasten. Stolz nimmt der Junge das Zertifikat und ein besonderes Lob entgegen: „Ich würde ihn Schüler-Lehrer fliegen lassen mit meinem Eurofighter“, sagt Frank Kohn.

Text: Leonie Ratje · Fotos: Volker Schimkus

