Julia, Kai und Marie Seefried beim fröhlichen Frühstück mit dem DEICHLUST-Reporter Wolfgang Stephan.
Julia, Kai und Marie Seefried beim fröhlichen Frühstück mit dem DEICHLUST-Reporter Wolfgang Stephan.

Frühstück bei den Seefrieds

Sonnabendmorgen, 8 Uhr in Assel. Es ist angerichtet bei den Seefrieds. Selbstgemachter Geflügelsalat von Ehefrau Julia, Erdbeermarmelade von seiner Mutter, Jithofer Käse aus Bargstedt, Honig hat Papa aus dem Schwarzwald besorgt, Obst und Rührei mit Eiern vom Hofladen Moje, dazu Lachs mit Dillsoße und Tomaten aus dem eigenen Garten. Brötchen vom Bäcker Richter aus dem Nachbardorf Ritsch. Julia, Marie und Kai Seefried stehen in der Küche bereit. Mal ein etwas anderer Termin. Eine Homestory für die DEICHLUST im Eigenheim in Assel.

Frühstück beim Landrat

Auch wenn es ein wenig kitschig klingen mag: Die Sonne strahlt tatsächlich mit den Seefrieds um die Wette. Ein gut gelaunter Ehemann in Jeans und weißem Hemd, eine lachende Hausherrin im farbenprächtigen Sommerkleid und mit der 13-jährigen Marie eine Tochter, die trotz der frühen Morgenstunde ebenfalls bestens gelaunt zum Familienfrühstück erschienen ist. „Ein Feiertagsfrühstück“, stellt Kai Seefried gleich klar.

Normalerweise wird bei den Seefrieds eher im Stehen in der Küche gefrühstückt. Joghurt, Obst, allenfalls ein wenig Brot mit Marmelade oder Käse. „Die heutige Luxusvariante ist Weihnachten oder Ostern vorbehalten, auch mal im Urlaub“, sagt Julia Seefried, die gemeinsam mit ihrer Tochter die Köstlichkeiten vorbereitet hat. 

„Papa haben wir zum Bäcker geschickt“, wirft Marie ein.

Unter der Woche kommt die 13-Jährige mitunter in den Genuss, von Papa im Fiat nach Stade zum Vincent-Lübeck-Gymnasium gebracht zu werden. Mama Julia arbeitet vier Tage im Homeoffice, einen Tag in der Woche sitzt die Juristin im Kultusministerium in Hannover. Auch sie kennt die politische Welt bestens, ist auch seit 30 Jahren CDU-Mitglied, Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne (SPD) kennt sie aus dem Referendariat. „Politik hört bei uns nie auf“, sagt sie. Nur im Urlaub versucht Julia Seefried, Grenzen zu ziehen. Wie zuletzt in Italien. Die vereinbarte Stunde für den Mailverkehr darf nicht überschritten werden, das Diensthandy soll ansonsten möglichst keine Rolle spielen. Lesen, schwimmen, vor allem relaxen. „Und Rommé“, wirft Marie ein. Wer gewinnt? Marie natürlich. Meistens jedenfalls.

Wir sitzen an einem sonnendurchfluteten Holztisch im offenen Wohnbereich zwischen Küche und Wohnzimmer. Den Tisch haben die Kollegen angefertigt, wenngleich vieles im und am Haus aus Holz vom gelernten Tischlermeister selbst erarbeitet wurde.  Einen Schlüssel zur ehemaligen Tischlerwerkstatt durfte Kai Seefried nach seinem Wechsel in die Politik behalten. Wenn er dort an der Werkbank stehe, sei das wie Urlaub, sagt der 48-Jährige, der von Februar 2008 bis Oktober 2021 Mitglied des Niedersächsischen Landtages und drei Jahre CDU-Generalsekretär in Niedersachsen war, bevor er im November 2021 als Landrat ins Kreishaus gewählt wurde.

Am 13. September will er wiedergewählt werden. Bis zwei Tage vor Bewerbungsschluss konnte Seefried davon ausgehen, ohne Gegenkandidaten anzutreten. CDU, SPD, Grüne, Linke und FWG im Kreistag verzichteten darauf, einen eigenen Bewerber ins Rennen zu schicken. „Ich habe das als starkes Signal gewertet und natürlich erfreut zur Kenntnis genommen“, sagt der CDU-Politiker.

Dann meldete sich doch noch ein Kandidat: Werner Jacobs, 60 Jahre alt, AfD-Mitglied aus Brest und bislang ohne kommunalpolitische Erfahrung. Stört es ihn, dass er einen Gegenkandidaten der AfD hat? „Wahlen sind elementarer Bestandteil unserer Demokratie, und deshalb erübrigt sich eine Antwort auf diese Frage.“ Den Kandidaten kenne er nicht, für ihn habe sich an der Ausgangslage nichts geändert. Auch weil er glaubt zu wissen, dass die Wähler am 13. September seine Arbeit im Kreishaus honorieren.

Die war in den vergangenen fünf Jahren vor allem durch die großen Krisen geprägt: erst Corona und dann Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine. „Eine meiner ersten Amtshandlungen war das Amtshilfeersuchen an die Bundeswehr, um die Pandemie zu bewältigen.“ Ein Impfzentrum aufbauen, mobile Impfteams organisieren – all das habe in keiner Aufgabenbeschreibung eines Landrates gestanden. Die Kreisverwaltung habe diese Herausforderung dennoch gut gemeistert.

Kaum war das Ende der Pandemie absehbar, folgte die nächste Ausnahmesituation. Aus dem Corona-Krisenstab wurde praktisch nahtlos der Ukraine-Krisenstab. Tausende Menschen mussten zusätzlich zu den Geflüchteten aus anderen Ländern untergebracht werden. In fünf Jahren fanden mehr als 6.500 Menschen im Landkreis Stade eine Unterkunft, viele von ihnen auch eine neue Heimat. „Das ist uns relativ lautlos gemeinsam mit den Städten und Gemeinden gelungen“, sagt Seefried. Dass die Unterbringung von Geflüchteten im Landkreis nicht zum großen politischen Streitobjekt geworden ist, betrachtet er als besondere Leistung aller Beteiligten. Sich selbst sieht er dabei im Hintergrund.

Ganz vorne stand er dagegen bei einer Krise, die zwar weniger dramatisch klang, dafür aber viele Bürger unmittelbar traf. Als See-fried 2021 das Amt übernahm, war die Situation im Straßenverkehrsamt ein Desaster. Rund 18.000 Vorgänge waren unbearbeitet, Führerscheinanwärter warteten zuweilen monatelang auf ihre Dokumente. Das Amt wurde neu organisiert und bekam eine neue Führung. Operation gelungen? Seefried greift zum Handy, tippt ein paarmal auf das Display und schaut auf. „Montagmorgen wären noch Termine zu bekommen.“

Weil Politik nicht das beherrschende Thema am Frühstückstisch sein soll, reden wir lieber über den Menschen Kai Seefried. Dass er seine rund 1.000 Beschäftigten in der Kreisverwaltung schon in den ersten Tagen auf Bierdeckeln nach ihrer Meinung fragte, passt zu seiner Art der Amtsführung. Kommunikation gilt als eine seiner großen Stärken. Seefried redet viel, Seefried hört zu, Seefried ist präsent. Wie präsent, weiß zu Hause niemand besser als seine Frau. „Fünf Abendtermine in der Woche und zwei bis drei Termine am Wochenende sind die Regel“, bilanziert Julia Seefried. Vorwurfsvoll klingt das nicht. Im Gegenteil.

Sie schiebt gleich hinterher: „Er geht meist fröhlich ins Büro und kommt am Abend
fröhlich zurück.“ 

Der so Gelobte lächelt. „Ich liebe es, vor Ort zu sein.“

Und bevor der Landrat morgens im Kreishaus erscheint, geht es erst einmal in Laufschuhen auf die Straße. Fünf Kilometer. Julia und Kai Seefried laufen sie gemeinsam, früh am Morgen. Inzwischen gehört das Joggen zum festen Start in den Tag. Tagsüber lebt Seefried eher asketisch, isst viel Obst und Gemüse. Das Ergebnis ist sichtbar: Wo andere im Amt zulegen, hat der Landrat acht Kilo verloren.

Fast zwei Stunden sitzen wir inzwischen am Eichentisch. Der Geflügelsalat ist deutlich weniger geworden, die Brötchenkörbe haben sich geleert, den Kaffee hat der Hausherr mehrmals nachgeschenkt. Politik, Familie, Alltag, fünf Jahre Landrat. Zwei Sätze nach dem zweistündigen Frühstückstalk bleiben haften: „Ich bin jeden Tag dankbar, dass ich diesen Job machen darf.“ Und zur Bilanz seiner fünf Jahre: „Ich wüsste nichts, was richtig schiefgelaufen ist.“

Das weiß aber Tochter Marie: „Papa hätte ruhig den einen oder anderen Tag im Winter mehr schulfrei anordnen können.“

Deichlust

Text: Wolfgang Stephan · Fotos: Volker Schimkus