Neustart für die Elbe-Kliniken
Elbe-Kliniken-Geschäftsführer Siegfried Ristau über ein Investitionsprogramm von 400 Millionen Euro für den Standort Stade und die Folgen für Buxtehude und Bremervörde.
Herr Ristau, über die Gesundheitsreform wird seit Jahren diskutiert. Nun liegen neue Vorschläge der schwarz-roten Koalition auf dem Tisch. Wenn Sie Gesundheitsminister wären: An welcher Stellschraube würden Sie zuerst drehen?
Zunächst müssten wir definieren, was wir überhaupt unter Gesundheitsreform verstehen. Die aktuellen Entwürfe der Regierungskoalition sind aus meiner Sicht keine Reform, sondern ein Kostendämpfungsgesetz. Die von Karl Lauterbach angestoßene Krankenhausreform halte ich dagegen vom Grundgedanken her für richtig – sie ist allerdings handwerklich nicht gut umgesetzt worden. Die vorgesehenen Veränderungen sind grundsätzlich sinnvoll und müssen jetzt konsequent weiterentwickelt werden. Entscheidend ist, dass sie gemeinsam mit den Krankenkassen und der Krankenhausgesellschaft abgestimmt und praxistauglich ausgestaltet werden. Vor allem die Konzentration und Spezialisierung hochwertiger medizinischer Leistungen ist aus meiner Sicht alternativlos. Genau diesen Weg würde ich konsequent weitergehen.
Sie plädieren also für mehr Qualität statt Quantität?
Nein. Das würde ja bedeuten, dass insgesamt weniger Leistungen erbracht werden. Darum geht es nicht. Der medizinische Bedarf bleibt bestehen. Das Angebot muss aber dort, wo es sinnvoll ist, gebündelt werden. Anders gesagt: Nicht jedes Krankenhaus sollte alles anbieten. Bestimmte komplexe Leistungen gehören in spezialisierte Zentren. Das ist der richtige Weg.
Mit der Konsequenz, dass kleinere Krankenhäuser keine Zukunft mehr haben?
So pauschal würde ich das nicht sagen. Aber angesichts der Herausforderungen im Gesundheitswesen lässt sich eine hochwertige medizinische Versorgung mit weniger Krankenhäusern und weniger Fachabteilungen besser sicherstellen. Dafür müssen allerdings die Strukturen angepasst werden. Kliniken, die künftig Schwerpunkte übernehmen sollen, müssen auch infrastrukturell in die Lage versetzt werden, diese Aufgaben zu erfüllen.
Wie weit ist die Lauterbach-Reform inzwischen umgesetzt?
Derzeit bearbeiten die Länder die Anträge der Krankenhäuser. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Transformationsfonds des Bundes, der Teil der Krankenhausreform ist. Die Transformation der Krankenhausstrukturen wird mit bis zu 50 Milliarden Euro gefördert. Der Bund stellt dafür 29 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität bereit. Gefördert werden Umstrukturierungen, Spezialisierungen und der Abbau von Überkapazitäten. Voraussetzung ist, dass sich die Länder gemeinsam mit den Krankenhausträgern mit mindestens 30 Prozent der förderfähigen Kosten beteiligen.
Bis wann wird in Niedersachsen feststehen, wie sich die Krankenhauslandschaft künftig aufstellt?
Sozialminister Andreas Philippi hat angekündigt, bis September kommenden Jahres eine Entscheidung zu treffen. Erst dann werden wir wissen, welche Versorgungsaufträge die einzelnen Krankenhäuser künftig erhalten.
Reden wir über die Elbe Kliniken. Sie haben sicherlich Anträge auf Fördermittel aus dem Transformationsfonds gestellt. Stade soll sicher das Schwerpunktkrankenhaus der Region werden?
Unsere Anträge befinden sich aktuell in der Bearbeitung. Wir haben ein Konzept entwickelt, wie wir unsere drei Standorte in Bremervörde, Buxtehude und Stade zukunftsfähig aufstellen können. Klar ist, dass die komplexeren medizinischen Leistungen künftig am Standort Stade erbracht werden. Dafür benötigen wir allerdings auch die entsprechende Infrastruktur.
In Stade wird doch seit Jahren gebaut. Das neue Bettenhaus steht kurz vor der Fertigstellung.
Das stimmt. Die Pläne für das neue Bettenhaus sind bereits vor der Reform entstanden, ausschlaggebend waren Mängel beim Brandschutz. Dementsprechend wird es auch nicht über den Transformationsfonds finanziert.
Wann wird das Bettenhaus fertig ?
Es ist nahezu fertig. Allerdings muss noch ein Verbindungsgang zum Altbau errichtet werden. Das wird voraussichtlich bis zum Frühjahr 2027 dauern. Danach wird der neue Versorgungstrakt mit Labor, Apotheke Pathologie, Küche und Zentralsterilisation gebaut und diese bestehenden Einrichtungen abgerissen, um einen neuen modernen Funktionstrack mit OP, Notaufnahme, Intensivstation, Kardiologie, Gastroenterologie und Radiologie zu bauen. Unsere Pläne für den Transformationsfonds haben wir entsprechend angepasst. Wichtig ist: Unser Konzept wird sowohl vom Ministerium als auch von den Krankenkassen unterstützt.
Über welche Investitionssumme sprechen wir?
Insgesamt geht es um rund 400 Millionen Euro, um den Standort Stade zukunftsfähig aufzustellen. Der große Vorteil des Transformationsfonds besteht darin, dass die Mittel deutlich schneller fließen können als über die reguläre Krankenhausförderung des Landes. Für das neue Versorgungsgebäude hoffen wir noch in diesem Jahr auf eine Finanzierungszusage. Allein dieses Projekt hat ein Volumen von rund 100 Millionen Euro. Insgesamt rechnen wir mit einer Bauzeit von acht bis zehn Jahren.
Weil der Umbau einer Operation am offenen Herzen gleicht?
Genau. Wir erneuern den Standort Stade praktisch im laufenden Betrieb. Nach heutigem Stand fehlen uns rund 10.000 Quadratmeter Nettonutzfläche.
Was bedeutet diese Konzentration für die Patienten? Werden Leistungen aus Bremervörde und Buxtehude nach Stade verlagert?
Das lässt sich erst sagen, wenn eine Entscheidung über die Versorgungsschwerpunkte, konkret die Leistungsgruppen der Krankenhäuser, vorliegt. Wichtig ist mir aber: Es darf bei dieser Frage nicht um Standorte gehen, sondern um die bestmögliche medizinische Versorgung. Für schwer erkrankte Patienten ist die Versorgung in einem Schwerpunktkrankenhaus besser. Neben der Qualität spielt auch der zunehmende Fachkräftemangel eine Rolle. Hoch spezialisierte Teams können wir künftig nicht mehr überall rund um die Uhr vorhalten. Deshalb sprechen wir nicht über eine Schwächung einzelner Standorte, sondern über eine Verbesserung der medizinischen Versorgung.
Das könnte im Umkehrschluss bedeuten, dass weniger komplexe Eingriffe künftig von Stade nach Bremervörde oder Buxtehude verlagert werden.
Das könnte so sein. Wie genau die Versorgungsstrukturen letztendlich aussehen, wissen wir aber erst mit der Entscheidung über die Fördermittel. Nach den bisherigen Gesprächen bin ich allerdings optimistisch, dass wir ein zukunftsfähiges Konzept für alle Standorte erzielen werden.
Mit Ihren Plänen wäre Stade künftig einer der bedeutendsten Krankenhausstandorte Niedersachsens?
Davon bin ich überzeugt. Diese Einschätzung teilen auch das Ministerium und die Krankenkassen. Gleichzeitig sage ich aber deutlich: Die Standorte Buxtehude und Bremervörde sind in ihrer Existenz nicht gefährdet.
Noch einmal zurück zu dem geplanten Kostendämpfungsgesetz, wie Sie es nennen. Wo liegt das Problem?
Was derzeit diskutiert wird, ist keine intelligente Lösung, weil es keine strukturellen Veränderungen beinhaltet. Ein Beispiel: Schon heute werden unsere steigenden Personalkosten nicht vollständig von den Krankenkassen refinanziert. Wenn künftig auch noch ein geringerer Anteil der Tarifsteigerungen übernommen werden soll, wir aber selbstverständlich Gehälter auf Tarifniveau zahlen, kann das auf Dauer nicht funktionieren.
Wären die Elbe Kliniken ohne Zuschüsse des Landkreises längst insolvent?
Nein. Wir haben vom Landkreis noch nie einen Verlustausgleich erhalten. Was wir bekommen, sind Zuschüsse für Investitionen, die wir aus eigener Kraft nicht finanzieren können. Das Land übernimmt rund 80 Prozent der Investitionskosten. Den verbleibenden Eigenanteil könnten wir aus dem laufenden Betrieb nicht erwirtschaften. Diesen übernimmt der Landkreis als Krankenhausträger im Rahmen seiner Möglichkeiten.
Die Elbe Kliniken schreiben also derzeit keine roten Zahlen?
Zurzeit nicht. Aber sollte das geplante Kostendämpfungsgesetz umgesetzt werden, könnte sich das ändern.
Sie haben den Fachkräftemangel angesprochen. Bei rund 4.000 Beschäftigten – wie viele Stellen sind derzeit unbesetzt?
Wir haben etwa 96 Prozent unserer Stellen besetzt. Das ist im Vergleich ein sehr guter Wert. Die eigentliche Herausforderung besteht allerdings darin, gezielt Schlüsselpositionen mit hoch qualifizierten Fachkräften zu besetzen sowie vakante Stellen in einzelnen Berufsgruppen, etwa für den OP-Betrieb.
Kann man sagen, dass ein Krankenhaus dieser Größe ohne ausländische Fachkräfte heute nicht mehr funktionieren würde?
Ja, das ist so. Das gilt allerdings nicht nur für uns, sondern für nahezu alle Krankenhäuser in Deutschland – einschließlich der Universitätskliniken.
Nach meinem Eindruck gelingt es den Elbe Kliniken immer wieder, renommierte Chefärzte zu gewinnen.
Diesen Eindruck teile ich. Offenbar genießen die Elbe Kliniken einen guten Ruf. Möglicherweise liegt das auch daran, dass wir frühzeitig begonnen haben, unsere Strukturen weiterzuentwickeln und dadurch für hoch qualifizierte Mediziner attraktiv geworden sind. Wir haben sicherlich nicht immer alles richtig gemacht, aber wir haben vieles umgesetzt, was gute Zukunftsperspektiven bietet.
Professor Lehmann kündigte bei seiner Vorstellung an, künftig mit einem Da-Vinci-Operationssystem arbeiten zu wollen. Noch steht der Roboter nicht in Stade?
Noch nicht. Ich bin aber überzeugt, dass wir ihn innerhalb der nächsten zehn Monate in Betrieb nehmen werden. Eingesetzt wird er nicht nur in der Allgemein- und Viszeralchirurgie, sondern vor allem in der Urologie, der Gynäkologie und der HNO. Unabhängig davon arbeiten wir bereits heute mit robotergestützten Operationssystemen. Buxtehude verfügt bereits über ein neues hochmodernes System für die Gelenkchirurgie. Auch in Bremervörde operieren wir robotergestützt am Knie. Und noch in diesem Jahr wird auch in Stade Robotik für die Kniechirurgie zum Einsatz kommen.
Der Da Vinci hat allerdings den klangvolleren Namen – und kostet rund drei Millionen Euro.
Das reicht nicht. Aber bevor Sie fragen: Die Finanzierung ist eine große Aufgabe, an der wir gerade arbeiten. Ich bin mir sicher, dass der Da Vinci kommen wird – und zwar bald.

Text: Wolfgang Stephan · Fotos: Elbe-Kliniken

