Mit Regattasegler Jörn Otromke auf der Elbe
„Leinen los!“ Ganz langsam gleiten wir aus dem Yachthafen in Finkenwerder. Nur wenige Meter tuckert der Motor, dann setzt Jörn Otromke das erste Segel. Es bläht sich sofort im Wind und wird unser Boot in den kommenden vier Stunden antreiben. Nach fünf Minuten liegt die Elbe vor uns. Wir drehen ab und fahren mit einem zweiten gehissten Segel Richtung Nordsee. Begleitet vom Gluckern der Wellen am Rumpf und dem leisen Knarren der Leinen. Idylle pur. Bis das Kommando kommt: „Klar zur Wende.“ Fortan wird es ungemütlich.
„Segeln ist die teuerste Art, unbequem zu reisen.“ Es ist einer dieser Sprüche von Jörn Otromke, einem passionierten Segler, für den das Leben auf dem Wasser zwei Seiten hat: das besondere Lebensgefühl – und die Lust an der Herausforderung. Der Buxtehuder kann nicht anders. Wenn er auf dem Wasser ist, will er gewinnen. Nicht nur bei den großen Regatten, bei denen er sich in die Siegerlisten eingetragen hat. Ihm reicht schon die einige Hundert Meter vor uns dahingleitende Yacht, ebenfalls ein Zehn-Meter-Boot, die er unbedingt überholen möchte. Mit Taktik, Erfahrung und Können.
In den nächsten drei Stunden wird nahezu pausenlos gekreuzt. Otromke erklärt das Manöver: Beim Kreuzen nähert sich ein Segelboot seinem Ziel gegen den Wind im Zickzackkurs. Weil es nicht direkt gegen die Windrichtung segeln kann, muss die Seite immer wieder gewechselt werden. Das Kommando „Klar zur Wende“ gilt bei unserem Törn mit den ständigen Wendemanövern nicht nur Freund Torsten, der als Steuermann mit an Bord ist, sondern auch dem DEICHLUST-Reporter. Der muss jedes Mal rechtzeitig den Kopf einziehen, um nicht vom Baum – der zum Aufspannen und Trimmen des daran befestigten Großsegels dient – getroffen zu werden, und sich gut festhalten, wenn sich das Boot bei der Wende stark zur Seite neigt.
Langsam verstehe ich, was mein Skipper mit der unbequemen Art des Reisens meint.
Die Liebe zum Wasser wurde Jörn Otromke beinahe in die Wiege gelegt. Als der Buxtehuder zwei Jahre alt war, kaufte sein Vater das erste Boot. Ein Motorboot, das fortan das Leben der Familie bestimmte: am Wochenende auf die Elbe, im Urlaub auf die Elbe. Allerdings immer mit dem Motorboot. Damit von A nach B zu fahren, vergleicht Otromke heute mit Autofahren. Langweilig. Sein neues Leben auf dem Wasser lernte er im Alter von 13 Jahren kennen. Damals war er erstmals unter Segeln unterwegs – „und sofort angefixt“. Mit 16 Jahren erwarb er seinen Sportbootführerschein. Es war der Beginn einer Leidenschaft, die ihn später über die Weltmeere führen sollte – stets angetrieben von der Kraft des Windes. Mit 30 wurde er Eigner der ersten eigenen Familienyacht. Seine beiden Töchter erlebten anschließend das, was schon die Kindheit ihres Vaters geprägt hatte: Freizeit auf dem Wasser. Und dass seine heutige Lebensgefährtin Sybille eine „Extremseglerin“ ist (Zitat: Sie segelt nur bei extrem gutem Wetter), kann kaum überraschen.
Faszination Segeln
Was macht für ihn die Faszination des Segelns aus? „Das komplexe Zusammenspiel der physikalischen Kräfte“, lautet seine überraschende Antwort. Sobald er die Leinen löse (Zitat: Leinen los, Sorgen los), beginne in seinem Kopf das Rechnen: wahrer Wind, Fahrtwind, scheinbarer Wind. Kräfte, Winkel und Geschwindigkeiten fügen sich zu einem Parallelogramm zusammen, das ihn während der gesamten Fahrt begleitet und ihm vorgibt, wann und in welchem Winkel er am besten kreuzen sollte. Bei unserer Tour offenbar mit Erfolg. Auf Höhe des Yachthafens Wedel haben wir die vor uns gestartete „Amazon“ eingeholt und überholt. Die Skipper grüßen einander freundlich per Handzeichen. Jörn Otromke lächelt zufrieden. „Er kann nicht anders“, sagt sein Freund Torsten, mit dem er bereits Hunderte Stunden auf See verbracht hat. Das gilt vor allem für das Regattasegeln – für den Buxtehuder die Krönung seiner Leidenschaft. Zuletzt gewann er an Pfingsten die „Nordseewoche“ vor Helgoland. Zwanzigmal war Otromke bereits bei Deutschlands traditionsreichster Hochseeregatta dabei. Ein vierter Platz war bis dahin sein bestes Ergebnis gewesen. Doch im Mai stand seine Drei-Mann-Crew nach drei Wettfahrten ganz oben auf dem Treppchen. Rund 250 Boote hatten sie hinter sich gelassen.
Zweimal hat Jörn Otromke den Atlantik überquert. Einmal auch als Mitglied einer Zehn-Mann-Crew auf der Yacht unseres DEICHLUST-Kolumnisten Heiko Tornow. Auch dieser Wettkampf zwischen New York und Hamburg endete erfolgreich: mit Silber. 21–7–36 – drei Zahlen, die Otromke jederzeit parat hat. Nach 21 Tagen, sieben Stunden und 36 Minuten erreichte die Crew Hamburg. „Den Atlantik bezwungen“, titelte anschließend eine Tageszeitung. Jörn Otromke korrigiert das mit einer Seemannsweisheit: „Den Atlantik bezwingt niemand – wenn er gute Laune hat, lässt er dich rüber.“ Seinen größten Erfolg feierte er beim „Rolex Sydney Hobart Yacht Race“. Die Wettfahrt gilt als eine der härtesten Hochseeregatten der Welt. Traditionell startet sie am 26. Dezember in Sydney und führt über rund 1.163 Kilometer nach Hobart auf Tasmanien. „Gigantisch, gefährlich, glorreich“, nennt Otromke das Rennen, bei dem er mit einer Crew aus sechs Männern und einer Frau nach drei Tagen auf See die Amateurklasse gewann. Apropos Frauen: „Mit Frauen in der Crew segle ich gern“, sagt er. Wo liegt der Unterschied? „Die seglerische Qualität ist vergleichbar, aber das Niveau der Witze ist schlagartig besser.“
Bei herrlichem Sonnenschein drehen wir vor Stadersand um. Mit auflaufendem Wasser und dem Wind im Rücken wird die Rückfahrt zum Sonntagsausflug. Endlich kann ich in Ruhe notieren, was der Segler während der vergangenen Stunden erzählt hat. Zum Beispiel von seinem großen Traum: Im Ruhestand will er noch mehr Zeit auf dem Wasser verbringen und mit seiner „Marlin“ – einer Match 33 – weit in den Norden segeln, bis zum Ende des Bottnischen Meerbusens, dem nördlichsten Ausläufer der Ostsee zwischen Schweden und Finnland. Dort möchte er seinem zweiten großen Hobby frönen: dem Motorradfahren. Ziel: Nordkap.
Dass Segeln anstrengend sein kann, habe ich inzwischen selbst erfahren. Aber ist Segeln auch teuer und gefährlich? „Teuer ja“, sagt Otromke. Boote seiner Klasse würden für niedrige sechsstellige Beträge gehandelt. Dafür sei der Urlaub anschließend immer günstig. Außerdem saniere und repariere er als gelernter Maschinenschlosser alles selbst. Und gefährlich? „Wer die nötige Demut aufbringt, muss sich nicht fürchten.“
Dann folgt sein letzter Spruch dieses Tages: „Die See hat nichts gegen dich, wir sind ihr nur völlig egal.“

Text: Wolfgang Stephan · Fotos: Wolfgang Stephan, Privat

