Wenn Jürgen Müller singt, kehrt er zurück in die Jahre 1973 und 1974. Vierzehn Monate verbrachte er damals als Smutje auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“, das um die Welt segelte. Einmal am Tag, nach der sogenannten Runde am Abend, kam die Besatzung zusammen und sang. Auch Jürgen Müller. Heute erklingen viele dieser
Lieder im Altländer Shanty-Chor. Viele der Sänger verbindet dabei mehr als die Musik: Sie fuhren selbst zur See – als Kapitäne, Offiziere, Matrosen oder an der Maschine, arbeiteten für Reedereien oder sind Segler.
Es ist Dienstagabend. Ein Herr nach dem anderen kommt die Treppe hinauf. Hände werden geschüttelt, Jacken über Stühle gehängt. Manche tragen ihre Liedermappe unter dem Arm, andere einen Jutebeutel oder Rucksack. Sie kommen, um zu singen. Von Abenteuern, Kameradschaft und Sehnsüchten auf hoher See. Doch erstmal wird Döntjes erzählt.
Um kurz vor acht ergreift Jens Bersuch das Wort. 55 Männer hören ihm zu. Helfer für den nächsten Auftritt werden gesucht – und gefunden. 50 Auftritte haben sie im Jahr. Hier macht eine Liste die Runde, dort noch eine. „Jo“ ruft einer, „hier“ ein anderer. Ho, ho, ho. Die Lautstärke steigt. Bersuch legt zwei Finger an die Lippen und pfeift. Sofort ist es still. Dass ausgerechnet er einmal erster Vorsitzender eines Shantychors werden würde, hätte der 60-Jährige selbst wohl nicht gedacht. In einen Chor wollte er nie. Shantys waren lange nicht seine Welt. Obwohl schon sein Großvater Kapitän war. „Erst wenn man es fühlt, verknüpft man es.“ Heute liebt er es.
Jetzt wollen sie fühlen. Singen. Reiner Hettkamp schnappt sich seine Gitarre. Michael Bunge übernimmt das Kommando. Seit 35 Jahren hat der 56-Jährige das Ruder des Altländer Shanty-Chors in der Hand. Angefangen hat alles mit seinem Vater, der den damals 15-Jährigen einfach mit zur Probe genommen hatte. Nur sechs Jahre später war Bunge Chorleiter. Bis heute. Er dirigiert, singt Soli und schreibt eigene Arrangements.
Der Chorleiter hebt die Hand. Günter Gröbel setzt ein. Sekunden später antworten die Bässe mit voller Wucht, dann folgen die Tenöre. Der Saal vibriert. Für einen Moment lässt sich erahnen, warum Shantys entstanden sind. Einst sang der Vorsänger auf den Großseglern eine Zeile vor, die Mannschaft antwortete im Chor und zog gleichzeitig am Tau. Heute müssen im Klugschen Saal in Steinkirchen keine Segel mehr gesetzt werden. Doch wenn mehr als 50 Männerstimmen gleichzeitig einsetzen, klingt noch etwas von jener Kraft nach.
Gesang hält jung
Bis auf zweieinhalb sind alle Männer grauhaarig, oder die Haarfarbe ist wegen der fehlenden Haarpracht nicht mehr erkennbar. Wer unter 50 ist, gehört hier schon zu den jungen Leuten. Fast die Hälfte der Sänger ist mehr als 70 Jahre alt, zwei feiern 2026 sogar ihren 90. Geburtstag. Das Alter gehört zum Chor – und damit auch der Abschied. Zwei bis drei Kameraden sterben jedes Jahr. Nachwuchssorgen haben sie dennoch nicht. Sie sind viele. Und Tobias und Nils sind schließlich erst Anfang/Mitte 40.
Huch. Eine Frau
Mitten unter all den Senioren und wenigen Junioren sitzt eine Frau. Im Männerchor! Dabei ist die Satzung eindeutig: Mitglied werden kann jeder „sangestüchtige Mann“. Seija Giesen ist eine Frau. Und doch gehört sie heute zum Chor. Seit Jahren fährt Giesen den Chorbus zu den Auftritten. Irgendwann holte sie nach den Konzerten ihr Akkordeon aus dem Bus und spielte einfach mit. Dass sie die Lieder kannte, hatte einen Grund. Ihre Mutter war Matrosin und brachte ihr die Seemannslieder mit alten Schallplatten nahe. „Ich kannte die Texte ja alle.“ Als ein Akkordeonspieler gesucht wurde, erwies sich die Satzung als erstaunlich flexibel. Seitdem spielt sie mit und wurde sogar zweite Vorsitzende. Nur singen darf sie nicht.
Der Chor feiert in diesem November seinen 45. Geburtstag. Uwe Richters hatte im November 1981 zur Gründung eines Shanty-Chors eingeladen. Günter Gröbel erinnert sich, seine Frau sagte: „Geh da mal hin“ — also ging er hin. Wie rund 20 weitere Männer. Es war die Geburtsstunde des Altländer Shanty-Chors. Auch das Outfit war schnell gefunden: dunkle Hose, weißes Hemd und Halstuch. „Gehen wir eben als Pfadfinder.“
„Wir waren überall“, so Günter Gröbel. In Deutschland, aber auch in New York, Norwegen, Kanada oder Irland. Unzählige Auftritte sind seit der Gründung zusammengekommen. Und stolze neun CDs.

Aus dem Chor wird eine Stammtischrunde
Pause. Immer eine halbe Stunde. Beschlossene Sache. Es geht nach nebenan. Der Clubraum gehört allein dem Altländer Shanty-Chor. Er wurde eigens für die Altländer Shantys gebaut – als Treffpunkt vor, zwischen und nach den Proben. Dunkles Holz, eine geschwungene Theke, rote Polsterbänke. Fast jeder freie Zentimeter erzählt von einer Reise, einem Festival oder einem Auftritt des Chors. Es ist ein Ort, an dem Erinnerungen griffbereit bleiben. Über der Bar hängen Schiffsmodelle, Pokale und Erinnerungsstücke. An den Wänden finden sich Wimpel, Teller, Fotos, Urkunden und maritime Bilder – Mitbringsel und Zeugnisse von Jahrzehnten auf Bühnen und Festivals. Fast alle Sänger haben eine Verbindung zur Seefahrt. Viele haben selbst erlebt, wovon die Lieder erzählen. Das verleiht dem Chor eine Authentizität, die viele andere nicht haben. Die Ölgemälde von Großseglern erinnern an die Welt, von der viele hier singen und erzählen können.
Und erzählen können sie. „Wir sind eine Clique. Die Kameradschaft ist groß“, erklärt Detlev Kaschinski. Irgendwann fällt der Name Joschka Fischer. Sofort ist die Geschichte von der „Rickmer Rickmers“ wieder da. 2004 sang der Chor dort auf Einladung des Auswärtigen Amtes beim Empfang für den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die Bilder waren einst Aufmacher in den Tagesthemen. Als Fischer sich spontan ein Lied von Freddy Quinn wünschte, mussten die Altländer passen. Das hatten sie nicht im Repertoire. Stattdessen stimmten sie kurzerhand „Seemann, deine Heimat ist das Meer“ an. Der Legende nach hatte der Außenminister Tränen in den Augen. Die Runde quittiert die Anekdote mit einem tiefen, vielstimmigen Lachen.
Zurück zur Musik. Aufgereiht stehen sie wieder da. Mit „The Rose of Allandale“ weicht die Wucht jetzt der Melodie. Kein Shanty, sondern eine schottisch-irische Ballade. Genau das macht den Altländer Shanty-Chor aus. „Wir singen Shantys, klassische Arbeitslieder, aber auch irische Folklore. Dafür steht unser Shanty-Chor“, sagt Michael Bunge. Dass der Chor heute mehr als 60 Mitglieder zählt, hat für ihn vor allem einen Grund: „Wir feiern und singen zusammen. Wir sind eine gute Gemeinschaft.“
Der Chor trägt das Gefühl des Alten Landes in die Welt
„Wir sind alles Laien. Ein vierstimmiger Männerchor ist hohe Kunst“, sagt Hubertus Godeysen. Dass der Chor dieses Niveau erreicht, spricht sich herum. Mehrmals eröffneten die Altländer das Musikprogramm des Hamburger Hafengeburtstags. „Wir sind stolz, so einen Chor zu haben“, sagt Samtgemeindebürgermeister Timo Gerke. Landrat Kai Seefried nennt die Sänger einen „Werbeträger für unser Land“. Nicht erst seit ihrer Hymne „Hier liegt das Alte Land“. Entstanden ist der Song 2025 auf der Melodie des englischen Liedes „Cornwall My Home“ – ein in der Shanty-Tradition durchaus üblicher Weg. Gemeinsam sammelten die Chormitglieder Erinnerungen, Orte und Bilder ihrer Heimat, Chorleiter Michael Bunge brachte sie schließlich in Reimform. Entstanden ist ein musikalisches Liebesbekenntnis an das Alte Land – an Sturmfluten und Schiffe auf der Elbe, den Lüheanleger, Obstblüte, Fachwerkhäuser, Kirchen und Mühlen. Voller Inbrunst und Leidenschaft singen sie. Manche schließen die Augen, andere schunkeln im Takt.
Nach den Proben sitzen sie noch lange zusammen, trinken das ein oder andere Bier. Früher fuhr Günter Gröbel als Steuermann und Kapitän über die Weltmeere. Heute hat der 82-Jährige vor allem einen festen Kurs. Jeden Dienstag führt er ihn nach Steinkirchen. „Ich weiß, wo ich Dienstagabend hin muss“, sagt er. „Bis ich irgendwann umfalle.“

Text: Mona Adams · Fotos: Volker Schimkus

