(c) Wolfgang Stephan
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Milimeterarbeit am schlagenden Herzen.

Acht Spezialisten, zwei Clips und 104 Minuten Hochspannung im Elbe Klinikum Stade

„Hallo Herr Postels, schön, dass Sie wieder bei uns sind.“ 

Ein Satz mit Tiefgang. Denn Hans-Herrmann Postels war eigentlich nie richtig weg. Trotzdem fehlen ihm gut eineinhalb Stunden seines Lebens – die Zeit, in der ein achtköpfiges OP-Team seine undichte Herzklappe repariert hat. Millimeterarbeit am offenen Herzen – ohne das Herz zu öffnen. Hochspannung im Elbe Klinikum Stade. Spannender als jeder Fernsehkrimi. Die DEICHLUST war dabei.

„Angespannte Routine“, beschreibt Torsten Lauf, Leitender Oberarzt der Kardiologie, die Stimmung an diesem Morgen im Vorraum des Herzkatheter-OPs. Es ist kurz vor neun Uhr. Gemeinsam mit seinem Oberarzt-Kollegen Safian Anwar studiert er ein letztes Mal die Patientenakte: Hans-Herrmann Postels, 75 Jahre alt. Ein ehemaliger Bundeswehrsoldat, drahtig, schlank und voller Optimismus. Doch seine Belastbarkeit ist stark eingeschränkt. Die Herzklappe schließt nicht mehr richtig. „Kurzatmigkeit, Müdigkeit, Erschöpfung – das ganze Programm“, beschreibt der Stader seine Beschwerden. Er hofft, dass die Ärzte des Elbe Klinikums ihm ein Stück Lebensqualität zurückgeben können. „Ich habe vor der OP keine Angst“, sagt er mir im fröhlichen Gespräch am Vortag. Schließlich hätten „die Jungs“ jede Menge Erfahrung.

Seit drei Jahren gehört die Mitralklappen-Intervention zu den anspruchsvollsten Eingriffen im Elbe Klinikum Stade. Die Mitralklappe reguliert den Blutfluss vom linken Vorhof in die linke Herzkammer. Schließt sie nicht mehr richtig, sprechen Mediziner von einer Mitralklappeninsuffizienz. Behandelt wird sie häufig minimalinvasiv: Über einen Katheter wird ein sogenannter MitraClip an den Klappensegeln befestigt und die Undichtigkeit deutlich reduziert.

Dass Hans-Herrmann Postels ein Jubiläumspatient ist, weiß an diesem Morgen nur einer: Chefarzt Dr. Sebastian Philipp. Seinen Stolz auf das Team verbirgt er nicht. „Wir haben bislang 149 Patienten mit einer undichten Mitralklappe erfolgreich behandelt. Für ein Krankenhaus unserer Größe ist das alles andere als selbstverständlich.“ Besonders hebt Philipp die Teamleistung hervor. Eine Hauptrolle gebe es nicht.  „Hochtechnologie trifft auf Erfahrung.“ „Im Vergleich zu einer offenen Herzoperation verkürzt dieses Verfahren die Genesungszeit erheblich und reduziert das Risiko von Komplikationen deutlich“, erklärt Philipp. Ob ein Patient für diesen Eingriff geeignet ist, entscheidet das sogenannte Heart Team gemeinsam mit Herzchirurgen des Universitären Herzzentrums des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, Anästhesisten und Kardiologen des Elbe Klinikums. Etwa 50 dieser Eingriffe werden in Stade jedes Jahr durchgeführt.

9.18 Uhr. Professor Dr. Ole Broch, Chefarzt der Klinik für Anästhesie und operative Intensivmedizin, beginnt mit der Narkose. Anästhesie-Fachpflegerin Hanne Rutz hat den ruhig auf dem OP-Tisch liegenden Patienten bereits an die Überwachungsmonitore und die Spritzenpumpen für die Narkose und die Kreislaufunterstützung angeschlossen. Nach wenigen Sekunden schläft Hans-Herrmann Postels ruhig ein.

„Wir sprechen von einer sehr gut steuerbaren Narkose, bei der man die Narkosetiefe exakt dosieren kann“, erklärt Broch. Ein kurzes Nicken genügt – das Startsignal für seine Kollegen. Der OP ist jetzt ein Maschinenraum. Monitore werfen ihr kaltes Licht auf grüne Kittel und sterile Tücher. Pumpen surren, der Herzmonitor piept im gleichmäßigen Takt, die Beatmung zischt leise. Sonst nichts. Keine Hektik, keine lauten Kommandos. Jeder Handgriff sitzt. Jeder kennt seine Aufgabe. Professor Dr. Jan-Thorben Sieweke, ebenfalls Leitender Oberarzt, ist der Taktgeber. Er führt eine Ultraschallsonde in die Speiseröhre des Patienten ein, die das Bild aus dem Herzen auf den Monitor übertragen wird.  Im Herzkatheter-OP herrscht eine eigentümliche Ruhe. Gesprochen wird nur das Nötigste. Die hochauflösenden Bilder auf den Monitoren zeigen den Operateuren das Herz in Echtzeit und ermöglichen ihnen, ihre Instrumente millimetergenau zu steuern. Während der gesamten Operation bewegt Sieweke die Sonde in enger Abstimmung mit den Operateuren. 

9.25 Uhr: Die OP beginnt. Durch einen kleinen Schnitt in der Leiste schiebt Safian Anwar einen Katheter vorsichtig in die Vene bis in den rechten Vorhof des Herzens. Anschließend muss er die Herzscheidewand punktieren, um den linken Vorhof zu erreichen. Über diesen Zugang wird später der MitraClip bis zur defekten Herzklappe vorgeschoben. Als der Zugang steht, reichen die OP-Pfleger Lukas Claßen und Thomas Höter den mehr als einen Meter langen Katheter mit dem Clip aus der sterilen Verpackung.

„Jetzt beginnt der schwierigste Teil“, sagt Torsten Lauf. Der Clip muss exakt an der beschädigten Stelle der Mitralklappe platziert werden – keine leichte Aufgabe, denn mit jedem Herzschlag bewegt sich die Klappe. „Wir halten den Puls bewusst niedrig, damit die Mitralklappe möglichst ruhig bleibt“, erklärt Anästhesist Broch.

Die Spannung im OP ist mit Händen zu greifen. Der lange Katheter mit dem geschlossenen Clip bewegt sich auf den Monitoren wie eine feine Linie durch das schlagende Herz. Zentimeter für Zentimeter schieben die Operateure ihn vor. Alle Augen sind auf die Bildschirme gerichtet. Es ist still. „Etwas nach links. Jetzt höher.“ Kurze Anweisungen von Lauf und Anwar an Jan-Thorben Sieweke, der die Ultraschallsonde steuert. Zu sehen ist, wie sich der Clip wie ein winziger Anker im schlagenden Herzen öffnet. Sekunden wirken plötzlich wie Minuten. Dann das Kommando: „Jetzt.“ Für einen kurzen Augenblick löst sich die Anspannung. Niemand sagt etwas. Stattdessen wandern die Blicke sofort wieder auf die Ultraschallbilder, auf denen zu erkennen ist, ob und wie sicher der Clip sitzt – und wie stark die Undichtigkeit bereits reduziert wurde.

10.14 Uhr. Trotz des ersten Clips ist die Herzklappe noch nicht ausreichend dicht. „Das haben wir erwartet“, sagt Torsten Lauf. Für alle im OP ist damit klar: Ein zweiter Clip muss gesetzt werden. Wieder nur kurze Anweisungen. Richtungsänderungen. Bestätigungen. Sonst nichts. Doch plötzlich gerät der eingespielte Rhythmus ins Stocken. Nur kurze Kommandos wechseln zwischen Operateuren und Ultraschallexperten. Sekunden vergehen. Dann Minuten. Im Raum ist nur noch das rhythmische Piepen des Herzmonitors zu hören. Die Stille wirkt plötzlich lauter als das Piepen der Monitore. Selbst hinter den Masken lässt sich die höchste Konzentration erkennen. Die Katheterschleuse hat sich verschoben. „Neustart“, sagt Lauf knapp. Ein neuer Zugang muss gelegt werden.

Das OP-Team (v. l.) mit dem Chef: Lukas Claßen, Torsten Lauf, Dr. Safian Anwar, Professor Dr. Jan-Thorben Sieweke, Chef-Kardiologe Dr. Sebastian Philipp, Professor Dr. Ole Broch, Hanne Rut, Thomas Höter und Sinja Kandora.

Konzentriert arbeiten die Operateure mit den Händen und blicken auf den Bildschirm. Irgendetwas scheint nicht zu passen. Alle Augen sind auf den großen Monitor gerichtet. Lauf, Anwar und Sieweke stimmen sich nur noch mit einzelnen Worten ab. „Keine Sorge“, beruhigt Professor Broch den Reporter. Das Problem? „Sie suchen die bereits vorhandene Öffnung in der Herzscheidewand. Niemand möchte unnötig ein zweites Loch setzen.“ Nach einer gefühlt endlosen Viertelstunde ist die Öffnung wiedergefunden. Der zweite Clip kann implantiert werden. Jetzt läuft alles wieder wie ein Uhrwerk. „Weiter rechts. Etwas tiefer. Noch ein Stück.  Jetzt.“ Der Clip sitzt. Für einen Moment löst sich die Spannung. Ein kurzes Nicken. Ein Blick auf den Monitor. Ein knappes „Perfekt“. Mehr braucht es nicht. Dann beginnen bereits die nächsten routinierten Handgriffe. Der Ausnahmezustand ist vorbei. 

Professor Sieweke zeigt auf den Monitor. „Hier sehen Sie deutlich, wie viel dichter die Herzklappe jetzt schließt.“ Operation gelungen. Das sagt keiner direkt, aber alle spüren es. Die Katheter werden entfernt, die Ultraschallsonde aus der Speiseröhre gezogen. Der Zugang in der Leiste wird mit wenigen Stichen verschlossen. „Wir haben ein optimales Ergebnis erzielt“, bilanziert Torsten Lauf.

11.02 Uhr. Hans-Herrmann Postels liegt noch ruhig auf dem OP-Tisch. Professor Ole Broch beugt sich über ihn. „Herr Postels, hören Sie mich?“ Nach dem dritten Ansprechen öffnet der 75-Jährige die Augen. Noch weiß er nicht, wo er ist. Doch schon am nächsten Tag verlässt Hans-Herrmann Postels das Elbe Klinikum. Zu Fuß.

Deichlust

Text & Fotos: Wolfgang Stephan