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Kunst. Kontrolle. Cheerleading

Schwarze, knappe Shorts, ein enges Top – dicht besetzt mit Hunderten silbern funkelnden Glitzersteinen, die bei jeder Bewegung aufblitzen. Üppig geschminkte Gesichter, streng zurückgebundene Haare, gekrönt von rosaglitzernden Schleifen. Five, six, seven, eight. Ein Sprung, ein Griff, ein Körper fliegt. Es sieht nach Amerika aus. Ist aber Stade-Wiepenkathen. Das ist Cheerleading. Das sind die Wieka Cheers vom TSV Wiepenkathen. Und die sind richtig gut.

Gerade sind die 15 Mädels der Juniors, zwischen 10 und 17 Jahren, bei der GlobeX Championship in Pasadena, Kalifornien angetreten und haben dort ihre bislang höchste Punktzahl erreicht. Für den Titel reichte es in ihrer Kategorie nicht, aber ihre fehlerfreie Choreografie brachte ihnen die Auszeichnungen „Hit Zero“ und „Level Up“ sowie den sogenannten „Showstopper Award“ für ihre herausragende Ausstrahlung. An dieser Routine hat das Team um Anastasia Gebel (20) ein Jahr lang gearbeitet – die Musik wurde eigens für die Choreografie komponiert.

Cheerleading ist die Kunst, Kontrolle wie Leichtigkeit aussehen zu lassen. Was nach Bling Bling und Glanz aussieht, ist ein Gefüge aus Timing, Kraft und blindem Vertrauen. Es ist ein Sport des Miteinanders: Jeder Handgriff sitzt nur, weil er auf den anderen abgestimmt ist. Jede im Team hat ihre feste Position. Blicke reichen, Abläufe greifen ineinander. „Ich habe keine Sportart kennengelernt, in der es so viel Teamgeist braucht“, sagt Trainerin Anastasia Gebel. Sie trainiert inzwischen vier Teams beim TSV Wiepenkathen – neue Anfragen muss sie ablehnen, es gibt einen Aufnahmestopp.

Die 20-Jährige hat die Sparte beim TSV Wiepenkathen aufgebaut und nach vorn gebracht. Schon nach einem Jahr gewinnen sie bei den „Spirit Open“ in Salzgitter ihre erste Meisterschaft – ein Erfolg, der zusammenschweißt. Damals treten sie noch in normalen Sportklamotten an. „Wir haben bewiesen, dass es auch ohne Uniform geht.“ Mit den Erfolgen wächst jedoch der Anspruch – und der Wunsch nach einem einheitlichen Auftritt. Der hat seinen Preis: Rund 300 Euro kostet jedes Outfit. „Die Mädels haben dadurch ein ganz anderes Mindset. Sie strahlen dieses Gefühl auch aus.“

In Deutschland ist Cheerleading Teamsport auf hohem Niveau und längst mehr als Anfeuern am Spielfeldrand: ein eigenständiger Leistungssport, organisiert im Cheerleading und Cheerperformance Verband Deutschland mit knapp 40.000 Mitgliedern. Im Mittelpunkt stehen Wettkämpfe, bei denen Teams mit zweieinhalbminütigen Routinen gegeneinander antreten – bewertet nach Schwierigkeit, Präzision und Ausstrahlung. Elemente wie Stunts, Tumbling und Pyramiden verlangen exaktes Timing und vor allem Vertrauen: Damit ein „Basket Toss“ mühelos wirkt, müssen sie sich genau kennen – Bewegungen, Reaktionen, selbst die kleinsten Unsicherheiten. Die eine springt, weil sie sicher ist, dass die anderen stehen. Und die anderen stehen, weil sie genau wissen, wie die eine fliegt. Viel Zeit zum Durchatmen bleibt nicht: Die nächste Meisterschaft steht bereits Ende Mai an.