Von der Luftfahrt in den Schiffbau: Wolfgang Stephan spricht mit dem scheidenden Airbus – Chef
„Bitte nicht über den Schiffbau reden“, so der Wunsch von André Walter, dem bisherigen Airbus-Top-Manager in Deutschland, vor unserem Interview. Der 59-jährige Ingenieur ist seit 2022 Vorsitzender der Geschäftsführung der Airbus Aerostructures GmbH und der Airbus GmbH in Deutschland. Seine Karriere im Airbus-Konzern begann 2006. Unter anderem leitete er die Standorte Bremen und Hamburg, bevor er Chef der zivilen Luftfahrtsparte mit ca. 30 000 Beschäftigten bei Airbus in Deutschland wurde. Ein immer jovial wirkender Zeitgenosse, der gerne unsere Treffen mit der neuesten Entwicklung von Hannover 96 zu bereichern versuchte. Beim Fußball-Zweitligisten ist der gebürtige Niedersachse aus Ganderkesee Mitglied. Im Dezember überraschte er die gesamte Branche mit seinem Wechsel in den Schiffbau: André Walter ist ab 1. Juli Geschäftsführer der Meyer Werft in Papenburg und soll die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Schiffbauers stärken. Aus Respekt vor seiner Airbus-Tätigkeit möchte er sich zum Schiffbau und seinen Beweggründen für den Wechsel noch nicht äußern. Dass er die Meyer Werft nicht aus einer Passion zur Kreuzfahrt übernimmt, hat er an anderer Stelle schon gesagt. Kreuzfahrten gehörten bisher nicht zu seinen primären Urlaubsbeschäftigungen. Am Ende unseres Gesprächs nennt er dann doch ein paar Beweggründe für seinen spektakulären Wechsel der Branche.
20 Jahre arbeitet André Walter bei Airbus – Ende Juni ist Schluss. Haben Sie schon Bilanz gezogen? Was war das schönste beziehungsweise das schwierigste Erlebnis in diesem Job?
André Walter: Einen Moment zu benennen ist schwierig. Schön war, dass ich mich bei Airbus entwickeln durfte. Ich bin von Haus aus eher im Engineering verortet, wo ich auch angefangen habe. Dass ich den Schritt in die Produktion machen durfte, ist für mich das Highlight. Das hat mein Berufsleben bereichert und beseelt mich auch heute noch.
Dann frage ich noch mal direkter: Was war emotional das schönste Erlebnis?
Jeder Erstflug ist emotional. Insofern gibt es nicht den einen schönen Moment. Aber wenn ich die Augen schließe, dann war emotional die Verabschiedung der letzten in Hamburg ausgerüsteten A380 kurz vor Weihnachten 2021 ein wirklich besonderer Moment. Wir hatten die A380 mit 200 Leuten 100 Meter weit gezogen und sind damit im Guinnessbuch der Rekorde gelandet. Das war ein besonderer Moment: Die Mitarbeiter waren traurig, weil sie wussten, dass das der letzte Flieger aus unserer Produktion im Norden war, hatten aber gleichzeitig Respekt vor diesem großartigen Flugzeug.
Und was war besonders schwierig in diesen zwei Jahrzehnten?
Eindeutig die Corona-Zeit, in die ja auch dieses letzte Erlebnis mit der A380 fiel. Ich hatte mit meinem Kollegen Gerd Weber gefühlt Tag und Nacht in meinem Büro gesessen und im Detail geplant, wie wir die Produktion am Leben halten und die Kunden ihre Flugzeuge abholen können. Wir hatten ein Impfzentrum, bevor die Behörden solche Einrichtungen hatten, und wir hatten schon ganz früh Masken aus China bekommen, die ich selbst mit dem Gabelstapler mit ausgeladen habe. Das war schon eine irre Zeit, vor allem, weil niemand wusste, was kommt, ob nicht das ganze Unternehmen gefährdet ist. Da waren viele Ängste vorhanden. Für uns galt es, die Mitarbeiter zu bestärken, Optimismus zu verbreiten, gleichzeitig den Laden zu steuern und zu schauen, wie wir das auch finanziell wuppen können. Das war schon spannend. Und aufregend.
Am Rande erzählt André Walter ein Erlebnis der besonderen Art: Als er während der Corona-Ausgangssperre spät am Abend zu seinem kleinen Apartment in Finkenwerder fuhr, bemerkte er ein Auto, das ihn ganz langsam verfolgte. Als er parkte, hielt ein Wagen mit zwei Polizisten neben ihm. „Sie wissen schon, dass hier Ausgangssperre ist“, fragte der Beamte. „Ja, aber ich komme gerade von der Arbeit.“ Ungläubig erkundigte sich der Polizist nach dem Arbeitgeber. „Ich komme gerade aus dem Büro bei Airbus“, antwortete André Walter. „Da würde ich an Ihrer Stelle mal mit Ihrem Arbeitgeber reden und normale Arbeitszeiten vereinbaren“, riet der Beamte in strengem Ton.
Wenn Sie auf diese zwei Jahrzehnte mit und bei Airbus zurückblicken – kommt Wehmut auf?
Natürlich. Wir sind jetzt in einer Phase, in der es viele letzte Meetings gibt. Da denkt man schon darüber nach, was man so gemacht hat. Was mir dann immer bewusst wird: Ich habe einen tollen Job und arbeite mit vielen tollen Menschen, die ich irgendwann nicht mehr täglich sehen werde. Da ist es doch klar, dass bei diesen Gedanken Wehmut aufkommt.
Ist es zu hoch gegriffen, die Gründung der Airbus Aerostructures GmbH als Ihr Lebenswerk zu bezeichnen?
Das ist nicht mein Lebenswerk, auch wenn das viel Zeit meines Lebens in Anspruch genommen hat. Das war ein Werk von ganz vielen Menschen, die viel Herzblut in diesen Plan gesteckt haben, der auch sinnvoll war, denn die Bündelung der Werke hat einen großen Vorteil gebracht. Es läuft natürlich nicht alles super in der Produktion, es gibt immer wieder Herausforderungen – aber ohne diese neue Aufstellung würden wir heute sehr viel schwieriger auf Störungen reagieren können, allein schon, weil wir abgestimmter sind und mögliche Probleme sehr viel früher erkennen. Es ist nicht zu unterschätzen, was wir da gemacht haben: Wir haben ein Unternehmen mit 17.600 Beschäftigten und insgesamt sechs Werken umstrukturiert und für alle neue Bedingungen geschaffen – und das bei laufender Produktion, deren System wir nicht stören durften. Das hat alles gut geklappt, auch wenn es viele Situationen gab, in denen wir bei der Umstellung der IT-Systeme bange Momente hatten. Ich hatte die Ehre, die Aerostructures leiten zu dürfen, was ich wirklich als Ehre empfinde.
Daniel Friedrich, der Bezirksleiter der IG Metall Küste, hat Sie auf meine Frage zu Ihrem Ausscheiden ausdrücklich als immer fairen Verhandlungspartner gelobt und Bedauern über Ihren Abgang durchblicken lassen, was ich als ungewöhnlich empfinde – dass ein Gewerkschaftsführer einen Airbus-Manager lobt.
Ob das ungewöhnlich ist, mag ich nicht bewerten. Grundsätzlich gilt doch, dass wir gut zusammenarbeiten. Die Gewerkschaft hat ihre Position, die sie hart vertritt, und wer mich kennt, der weiß, dass ich eine Meinung habe, die ich gerne durchsetzen möchte. Das Entscheidende ist doch, dass wir bei der Lösung der Konflikte immer eine faire und gute Form in den Verhandlungen gefunden haben …
… weil Sie den Betriebsräten und Gewerkschaftern immer auf Augenhöhe begegnet sind …
… ja, weil wir uns gegenseitig immer auf Augenhöhe und mit Achtung behandelt haben. Wichtig ist, die Verhandlungen nicht zu persönlichen Konflikten zu machen, sachlich zu bleiben und das Gesamtziel nie aus den Augen zu verlieren und zum Wohle des Unternehmens zu arbeiten. Am Ende geht es immer um das große Ganze.
Würden Sie meine Einschätzung teilen, dass die Betriebsräte bei Airbus in ihrer Interessenvertretung auch eine Art Arbeitnehmer-Manager sind?
Wir haben eine gute Kultur bei Airbus. Natürlich schreit nicht jeder Betriebsrat „Hurra“, wenn wir eine Idee haben, was ich verstehen kann. Bei Airbus verstehen die Betriebsräte sehr viel vom Betrieb, insofern ist der Begriff Arbeitnehmer-Manager gar nicht so schlecht, denn die Betriebsräte managen ihr Klientel. Das Grundverständnis, zum Wohle des Unternehmens zu handeln, ist bei beiden Seiten stark ausgeprägt. Ich habe Betriebsräte nie als Hindernis empfunden, eher als Hilfe bei der Bewältigung unserer Probleme.
Beim Blick auf Airbus ist derzeit der geplante Hochlauf mit 75 Fliegern aus der A320-Serie das größte Problem …
… aber ein schönes Problem …
… bei dessen Bewältigung auch neue Arbeitsplätze im Norden entstehen können oder werden?
Wir sollten nicht nur von den Werken im Norden reden, denn wir haben ja auch das ehemalige Werk von Premium Aerotec in Augsburg samt deren Werken in Varel und Braov in Rumänien integriert. In allen Werken wurde in den vergangenen Jahren viel Personal aufgebaut. Jetzt sind wir auf einer Stufe, auf der wir uns konsolidieren und den nächsten Ratenschritt abwarten. Wir stellen in diesem Jahr weniger Personal ein, das heißt aber nicht, dass wir nicht einstellen. Wir suchen derzeit hochqualifizierte Fachkräfte wie Mechatroniker, Systemelektroniker, Strukturmechaniker, Ingenieure oder IT-Kräfte. Unter dem Strich haben wir immer eine kleine Steigerung bei der Beschäftigung.
Wir Medien schreiben gerne, dass die Arbeitsplätze bei Airbus angesichts der Auftragslage auf Jahre gesichert sind. Unterschreiben Sie das?
Nach dem Produktionsplan sieht das gut aus, aber ganz sicher ist das nie, denn wir wissen nicht, was in dieser Welt noch passiert. Wir haben ja in der Corona-Pandemie leidvoll erfahren müssen, wie schnell sich vieles in der Welt und in der Luftfahrt wandeln kann.
Befürchten Sie durch den Konflikt im Nahen Osten für die Luftfahrt und speziell für Airbus auch schwerwiegende Auswirkungen?
Wir beobachten die Lage sehr genau und müssen uns auf bestimmte Szenarien vorbereiten. Die Lieferketten können schon zum Problem werden. Wenn Schiffe anders fahren müssen oder Teile nicht mehr produziert werden können, weil Energie fehlt, kann das Auswirkungen haben. Da sieht man immer, wie fragil so ein System ist.
Kommen wir zur Zukunft von Airbus: Das Nachfolgemodell für die A320-Serie wird in Hamburg entwickelt – insofern müsste André Walter auch wissen, wie dieser Flieger aussehen wird?
An der Entwicklung sind alle Werke beteiligt. Aber tatsächlich weiß ich nur, dass der Flieger nicht ganz so futuristisch aussehen wird, wie es schon in Modellen zu sehen war. Nach wie vor haben wir uns noch nicht für alle Konzepte entschieden. Wir arbeiten beispielsweise an alternativen Antriebslösungen, insgesamt an Technikmodulen, die wir einzeln bewerten und am Ende zusammensetzen werden. Erst dann können wir uns ein Bild machen, wie der Flieger im Design aussehen wird. Klar ist aber, dass wir von neuen Flügeln ausgehen können, die dünner und länger und damit aerodynamischer werden.
Möglicherweise so groß, dass sie eingeklappt werden müssen?
Das ist eine Studie, die wir uns anschauen. Wenn die Flügel länger sind, müssen wir auch eine Lösung für die Airports haben. Denn klar ist: Bei längeren Flügeln können nicht mehr so viele Flieger nebeneinander stehen. Und wir wollen den Airports schließlich keine Probleme in ihrer Infrastruktur bereiten. Von daher ist eine Klapplösung durchaus möglich, die es im militärischen Bereich schon lange gibt. Übrigens: Unabhängig von der Entwicklung des neuen Flugzeugs wird sich auch in den Werken in naher Zukunft einiges verändern.
Sie sprechen das neue Auslieferungszentrum in Finkenwerder an?
Nicht nur, aber das Auslieferungszentrum hier am Standort ist vielleicht das sichtbarste Zeichen. Mit einer geplanten Länge von 530 Metern und 26 Flugzeugpositionen wird dieses Gebäude zu einem bedeutenden Bauwerk, das wir benötigen, weil wir derzeit über den Standort verteilt an verschiedenen Stellen ausliefern, was logistisch unglücklich und auch für unsere Kunden nicht immer bequem und adäquat ist. Wobei wir hier in Finkenwerder auch neue Büroflächen und ein Parkhaus bauen. Dazu kommt ein Servicecenter, mit dem wir unsere Prozesse weiter optimieren können, und wir bauen ein neues Lager für Großsektionen mit 42 Metern Höhe, in dem wir wie in einem Hochregallager Schalen und Rumpfsektionen lagern können. Wir dürfen nicht vergessen, dass jeder Rumpf und jedes Seitenleitwerk, das in den Endlinien in Tianjin, Mobile oder Toulouse verarbeitet wird, in Hamburg ausgeliefert wird. Deutschlandweit investieren wir mehrere Hundert Millionen Euro. In Stade sind es ein neues Lager und eine neue Produktionslinie für die Seitenleitwerke, und auch in Nordenham haben wir eine neue Produktionslinie in Betrieb genommen. Dazu kommen neue Bauvorhaben, denn auch die Schalenproduktion wird beim Hochlauf entsprechend steigen.
Apropos Hochlauf: Wird bei einer Rate von 75 auch die Zahl der Flugbewegungen pro Tag in der Region steigen?
Pro Tag wird das nicht bemessen, aber wir sind heute unter dem vereinbarten Jahres-Volumina, und das wollen wir auch in Zukunft einhalten, denn wir sind an guten Verhältnissen zu unseren Nachbarn interessiert – die wir haben.
Sie haben kürzlich davon gesprochen, dass Sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge Airbus verlassen.
Das weinende Auge betrifft die Menschen, die ich zurücklasse. Ich habe viele tolle Menschen kennenlernen dürfen und immer sehr viel Unterstützung und Wertschätzung bekommen, die ich auch gerne zurückgegeben habe. Diese Menschen, die auch immer meinen Tag erhellten, werde ich vermissen. Ich habe mich immer wohlgefühlt in diesem Job. Andererseits freue ich mich, ab Sommer neue Menschen zu treffen, neue Kontakte zu knüpfen und mit dem Schiffbau in eine neue Branche zu wechseln. Das ist für mich, der immer gerne nach vorne schaut und insbesondere in Bezug auf Technologien neugierig geblieben ist, sicherlich eine Bereicherung in meinem Leben. Das noch einmal erleben zu dürfen, ist ja auch nicht schlecht.
Danke, André Walter – die letzten drei Sätze waren die Antwort auf die Frage, die ich jetzt doch zum Wechsel in den Schiffbau gestellt hätte.

Text: Wolfgang Stephan · Foto: Wolfgang Stephan

