Louisa Pranger und Nils Hübenbecker starten am 10. Oktober beim Ironman auf Hawaii.
Louisa Pranger und Nils Hübenbecker starten am 10. Oktober beim Ironman auf Hawaii.

Zwei Triathleten im Paradies.

Louisa Pranger und Nils Hübenbecker starten am 10. Oktober beim Ironman auf Hawaii

Die Morgensonne taucht den Pazifik vor Hawaii in goldenes Licht. Das Meer ist ruhig, doch am Strand von Kailua-Kona knistert die Luft vor Anspannung. 4.500 der besten Triathletinnen und Triathleten der Welt richten ein letztes Mal ihre Schwimmbrillen, atmen tief durch, blicken hinaus auf den Ozean. Dann fällt der Startschuss zum berühmtesten Ausdauerwettkampf der Welt. Der Ironman auf Hawaii ist weit mehr als ein Rennen. Er ist eine Legende. Mitten unter den Weltbesten werden Anfang Oktober auch zwei Sportler aus dem Landkreis Stade stehen: Louisa Pranger aus Buxtehude und Nils Hübenbecker aus Harsefeld. Eine Geschichte, wie sie nur der Sport schreiben kann. Denn noch vor drei Jahren besaß keiner von beiden ein Rennrad. Beide mussten das Kraulschwimmen erst lernen. Heute gehören sie zu den wenigen, die sich ihren Traum von Hawaii erfüllt haben.

„Du also auch.“ Drei Worte, die beim ersten Treffen der beiden am Buxtehuder Petriplatz alles sagen. Louisa Pranger und Nils Hübenbecker kannten sich vor dem Treffen mit dem DEICHLUST-Reporter nicht. Doch schon nach wenigen Minuten verbindet sie mehr als die Vorfreude auf das größte Abenteuer ihres sportlichen Lebens. Beide haben einen nahezu identischen Weg hinter sich – und beide stehen nun vor dem Wettkampf, von dem Triathleten in aller Welt träumen.

Wer in Kailua-Kona an der Startlinie steht, gehört zur Weltelite des Ausdauersports. 3,86 Kilometer schwimmen im Pazifik, 180,2 Kilometer Rad fahren über den heißen Queen Ka‘ahumanu-Highway und anschließend ein Marathon über 42,195 Kilometer – oft bei Temperaturen von mehr als 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit. Härter geht es im Triathlon nicht.

Das kleine Wunder beim ersten Triathlon

Dass am 10. Oktober auch Louisa Pranger starten wird, grenzt beinahe an ein kleines Wunder. Denn vor gerade einmal zwei Jahren besaß die 28-Jährige weder ein Rennrad noch beherrschte sie das Kraulschwimmen. Tiefes Wasser machte ihr sogar Angst. Heute bereitet sie sich auf das größte Rennen ihres Lebens vor. 

An Hawaii verschwendete die Intensivkrankenschwester des Elbe Klinikums Buxtehude nie einen Gedanken. Dass auf der bekannten Insel im Pazifik der berühmteste Triathlon der Welt ausgetragen wird, wusste sie, mehr aber nicht.  Erst im Juni dieses Jahres änderte sich alles. Dann gelang ihr das Außergewöhnliche. Bei ihrem ersten Ironman überhaupt qualifizierte sie sich Anfang Juni in Hamburg völlig überraschend für die Weltmeisterschaft in Kailua-Kona. „Ich dachte zuerst, das ist ein Scherz.“ Doch ihre Zeit von 10:27:15 Stunden und Rang vier in der Altersklasse der 25- bis 29-Jährigen reichten tatsächlich für einen der begehrten Startplätze. 

Dabei begann ihre sportliche Reise ausgesprochen unspektakulär. Vor drei Jahren lief Louisa Pranger regelmäßig, um nach den oft belastenden Schichten auf der Intensivstation und dem Fernstudium Wirtschaftspsychologie den Kopf freizubekommen. Einfach Lust am Laufen, mehr nicht. Freundinnen überredeten sie schließlich zu einem Halbmarathon. Gemeinsam erreichten sie nach gut zwei Stunden das Ziel. Keine Spitzenzeit, aber ein Erlebnis, das etwas in ihr auslöste. „Es hat mich angefixt.“

Ein Jahr später folgte der erste Marathon. 42,195 Kilometer in 4:26 Stunden – solide, aber weit entfernt von einer Leistung, die auf eine spätere Ironman-Qualifikation hätte schließen lassen. Doch genau in dieser Zeit erinnerte sie sich an die Erzählungen eines Onkels, der selbst einen Ironman absolviert hatte. Ende 2024 fasste sie einen Entschluss. „Warum nicht einmal einen Triathlon?“ Die Antwort auf die Frage nach dem Warum fällt ihr leicht: „Mich reizte einfach die Herausforderung.“

Nur gab es ein Problem. Eigentlich sogar zwei. Sie besaß kein geeignetes Rennrad und konnte ausschließlich Brust schwimmen. Im Triathlon wird jedoch gekrault – und zwar fast vier Kilometer lang. Zum Wendepunkt wurde die Begegnung mit Peter Uhl, Trainer der Triathleten beim BSV. Er erkannte das Potenzial der ehrgeizigen Läuferin und überzeugte sie, den Schritt zu wagen. Louisa Pranger lernte das Kraulschwimmen von Grund auf, und sie  kaufte ihr erstes gebrauchtes Rennrad und begann, systematisch zu trainieren.

Den ersten Wettkampf absolvierte sie eher aus Neugier beim Stackmann-Volks-Triathlon im Alten Land über die kleine Distanz:  500 Meter schwimmen, 20 Kilometer Rad fahren und fünf Kilometer laufen – eine lockere Standortbestimmung. „Einfach nur zum Spaß“, sagt sie. Und genau den hatte sie.

Nur wenige Monate später wartete in Hamburg eine völlig andere Dimension: 3,86 Kilometer schwimmen, 180,2 Kilometer Rad fahren und anschließend der Marathon. Ausgerechnet bei dieser Premiere gelang ihr die Sensation. In der Vergabe der 60 WM-Startplätze für Hawaii belegte sie Rang 41. Bis heute kann sie kaum erklären, wie das gelungen ist. Allenfalls so: „Mich fasziniert es, an meine Grenzen zu gehen.“

Dass sie den Startplatz in Hawaii tatsächlich annehmen würde, war dagegen schnell entschieden. Mit den Elbe Kliniken und dem Buxtehuder Unternehmen „buxtrade“ fand sie zwei Sponsoren, die die Reise möglich machen. Seitdem bestimmen Trainingseinheiten den Alltag. Zwischen 16 und 18 Stunden investiert sie Woche für Woche in ihr großes Ziel. Bleibt noch die Frage nach der Nervosität. Ein Wettkampf unter tropischer Sonne mit den besten Triathletinnen der Welt und Millionen Zuschauern vor den Bildschirmen. Hat sie Bammel? Louisa Pranger lächelt. Das Wort kennt sie nicht. 

Triathlon stand nie auf der Agenda

Dafür jetzt Nils Hübenbecker. Auch bei ihm deutete lange nichts auf eine sportliche Karriere hin. Drei Jahrzehnte lang schon gar nicht auf einen Start beim Ironman auf Hawaii. Der heute 33-Jährige, in Harsefeld aufgewachsen und viele Jahre Bankkaufmann bei der Kreissparkasse, war zwar immer sportlich aktiv:  Fußball, Judo, Basketball, Badminton, Squash – kaum eine Sportart ließ er aus. Doch meist war nach zwei Jahren wieder Schluss. Es fehlte die Leidenschaft. Laufen, Radfahren und Schwimmen gehörten nie zu seinen sportlichen Disziplinen.

Das änderte sich erst vor zweieinhalb Jahren. Kumpel Malte hatte die Idee, mit einigen Freunden einen Halben-Ironman in Horn in den Niederlanden zu absolvieren. Die halbe Distanz: 1,9 Kilometer schwimmen, 90 Kilometer Rad fahren und ein Halbmarathon. „Ich musste mir erst einmal ein Fahrrad besorgen und Kraulen lernen“, erinnert sich Nils. „Mehr als eine Bahn habe ich damals nicht geschafft.“ Was als gemeinsame Herausforderung unter Freunden begann, entwickelte sich schneller als gedacht zu einer sportlichen Erfolgsgeschichte.

Deichlust

Text & Fotos: Wolfgang Stephan