Verkäuferin der ersten Stunde

Elisabeth Eckhoff arbeitet seit 72 Jahren im selben Laden

Als Elisabeth Eckhoff das erste Mal hinter dem Verkaufstresen der Familie Hauschildt steht, ist die Welt eine andere. Deutschland ist geteilt – die Mauer wird erst sieben Jahre später gebaut. Es gibt keine Bundeswehr, kein Farbfernsehen. Elvis Presley nimmt gerade seine erste Platte auf. Ihr heutiger Chef ist vier Wochen alt. Ihr Lohn: 25 DM.

72 Jahre später ist die Mauer Geschichte. Neun Bundeskanzler haben das Land mittlerweile geführt. Das Farbfernsehen kam, wurde bunter und ging in HD über, Internet und Smartphone sind selbstverständlich. Elisabeth Eckhoff hat auch eins.

87 Jahre alt ist die Grünendeicherin heute. Doch sie steht noch immer hier. Jeden Nachmittag um Punkt 14 Uhr öffnet sie den Laden im Zentrum von Steinkirchen. Schließt nach der Mittagspause auf, räumt die Verkaufsständer raus und abends nach der Kassenabrechnung wieder rein und schließt ab. Dazwischen: ein halber Ort. Jeden Tag. Ihren Arbeitsplatz kennt sie wie ihre Westentasche. Das Geschäft Hauschildt. Neben Lottoscheinen und Zigaretten, Souvenirs oder Zeitschriften bekommen die Kunden auch ein Pläuschchen mit ihr. Und das nehmen sie gern.

„Ich kenne fast alle Kunden“, sagt Elisabeth. „Grüß Elke und bleib gesund“, ruft sie Hans hinterher, bevor er den Laden verlässt. Der Dame mit dem Rollator hält sie die Tür auf. Sie, die 87-Jährige. Der Laden ist ihr zweites Zuhause. Hier hat sie ihr Leben lang gearbeitet – und will es immer noch tun. Der Kontakt mit den Menschen, die Abläufe, die sich jeden Tag wiederholen, die Verpflichtung, um zwei aufzuschließen – das halte sie fit, sagt sie. Während sie selbst nie ans Aufhören gedacht habe, haben ihre Kinder das durchaus getan. Erst kürzlich war sie deshalb bei ihrer Hausärztin. Doch die hat ihr die Arbeitsbescheinigung gewissermaßen als Lebenselixier attestiert. „So lange Sie es können, arbeiten Sie. Das ist Teil Ihres Lebens“, habe sie gesagt.

Fit wie ein Turnschuh

Hinter dem Tresen steht ein Holzschemel, doch die 86-Jährige steht lieber in ihren Turnschuhen. Sicher tippt sie auf dem Lotto-Bildschirm die richtigen Kästchen an. Früher gab’s das nicht. Früher war alles besser? Bei weitem nicht. Elisabeth Eckhoff hat alles miterlebt. Die Veränderungen, die die Zeit mit sich brachten. DM, Euro. Bedienungstheke statt Selbstbedienung. Abwiegen statt Verpackung. Die Registrierkassen mit Tasten und Kurbel. Oft wurde im Kopf gerechnet. Heute kommen ihre Stammgäste hauptsächlich wegen Zigaretten und der Aussicht auf einen Lottogewinn. In den Anfangsjahren war Hauschildts ein reiner Lebensmittelladen. „Ich habe Zucker und Mehl abgewogen“, erinnert sie sich. Heute stehen in den Regalen Honig, Kerzen und Wein: Souvenirs für die Touristen.

Urlaub? Brauchten sie und ihr Mann nie. „Wir mochten nie gerne in den Urlaub fahren“, sagt sie. Lieber etwas schaffen.

Auch als ihre beiden Töchter klein waren, musste sie nicht kürzertreten. „Oma Luzie war da“, sagt sie. „So konnte ich ganztags arbeiten.“ Und selbst an dem Tag, an dem ihr das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen wurde, kam sie nur mit leichter Verspätung zur Arbeit.

Und genau dort beginnt das zweite Kapitel ihres Lebens: Ihr freiwilliges Engagement: beim Deutschen Roten Kreuz in Grünendeich.

Im Namen des Bundespräsidenten überreichte der Landrat ihr die Auszeichnung. In seiner Rede sprach er von einer „verlässlichen Größe“ im Landkreis, von „hohem persönlichem und zeitlichem Einsatz“ und einer „besonders menschlichen Art“. Geehrt werde keine Präsidentin an der Spitze, sondern „jemand aus der Mitte der Gesellschaft – beispielhaft dafür, was durch Ehrenamt möglich ist und was ohne Ehrenamt fehlen würde“. Das ist Elisabeth Eckhoff.

Der Impuls zur Ordensanregung kam aus dem Dorf selbst. Es sei an der Zeit, dass nicht nur die Großkopferten, sondern auch diejenigen geehrt würden, die im Hintergrund dafür sorgen, „dass der Laden läuft“.

Landrat Kai Seefried mit Elisabeth Eckhoff bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes

Wer ein Bundesverdienstkreuz kriegt, der überlegt nicht lange. Anders Elisabeth Eckhoff. Sie brauchte eine Woche, um sich mit der Würdigung anzufreunden. Elisabeth Eckhoff ist eine, die organisiert, kocht, vorbereitet. Die Rabatte aushandelt, Überschüsse erwirtschaftet und nebenbei noch den Kirchgarten gießt. Eine mit offenem Ohr. Eine, die Verantwortung übernimmt. Aber keine, die im Mittelpunkt steht.

Rouladen statt Rollator

Seit mehr als vier Jahrzehnten ist Elisabeth Eckhoff Mitglied im DRK-Ortsverein. Über 30 Jahre lang war sie federführend verantwortlich für die Verpflegung bei den Blutspendeterminen. Die Frage der Fragen: Wat gifft dat denn to eten? Fünf Mal im Jahr verwandelte sich die Schule in einen Ort, an dem nicht nur Blut floss, sondern auch Suppe dampfte. Elisabeth Eckhoff kaufte ein, kochte, bereitete Salate und Desserts zu. Sie wirtschaftete so umsichtig, dass am Ende sogar Überschüsse blieben – trotz steigender Lebensmittelpreise. Damit verschaffte sie dem Ortsverein finanziellen Spielraum. Zeitweise kamen in Grünendeich deutlich mehr Blutspender als in benachbarten Orten. Viele, so heißt es, auch ihretwegen. Es war nicht nur das Essen. Es war Elisabeth. Wer einmal da war, kam wieder.

1984 wurde sie in den Vorstand gewählt, 1996 stellvertretende Vorsitzende. Dieses Amt führte sie bis 2022 aus. Nach der Bekanntgabe, dass sie aufhören will, kamen viele Frauen und Männer zu ihr in den Laden. Ihre Worte blieben ihr in Erinnerung: „Wi wüllt Danke seggen för all de Johrn, fiefmal in’t Johr hest du uns versorgt bi de Spenden.“ Eckhoff: „Das war mir mehr wert als alle Orden der Welt. Ich habe geweint wie ein Schlosshund.“

Am Ende steht sie immer noch dort. Hinter dem Tresen in der Bürgerei. Zwischen Lottoscheinen und Zeitschriften, zwischen Tabakregal und Postkartenständer. Und morgen um 14 Uhr schließt sie wieder auf.

Deichlust

Text: Mona Adams · Fotos: Volker Schimkus, Daniel Beneke