Fotos: Schimkus
Fotos: Schimkus

Ding Dong DEICHLUST

Wie wohnen die Altländer? Oder noch konkreter: Wer wohnt da eigentlich? Gute Fragen, spannende Antworten. Aber wer öffnet seine Tür und gibt einen Einblick in seine heiligen Räume? DEICHLUST-Fotograf Volker „Schimmy“ Schimkus zerstreute alle Bedenken schnell, denn schließlich hatte er für die Mopo einst eine legendäre Serie realisiert und über 200 Hamburger in ihren Wohnzimmern fotografiert. „Wir klingeln einfach“, kündigte er optimistisch an. Die Serie „Ding, Dong, Deichlust“ nahm ihren Lauf. 

Aus dem Dornröschenschlaf gerissen 

Das Haus am Lühedeich

Text: Mona Adams · Fotos: Volker Schimkus

Es war einmal ein kleines muckeliges Haus am Lühedeich. Ein giebelständiger Backsteinbau, unter ziegelgedecktem Satteldach, umrahmt von weiteren kleinen eingeschossigen, bescheidenen Schiffer- und Handwerkerhäusern. Vor zehn Jahren verließen die ehemaligen Eigentümer ihr kleines muckeliges Haus am Lühedeich und kehrten nie wieder zurück. Die neuen Hausherren: Schimmel und Efeu, besitzergreifend und vermehrungsfreudig. Sie teilten sich auf, nahmen sich jeder einen Bereich und lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Ende? Bei weitem nicht. Denn die Erzählung hat einen zweiten Teil. Im fernen Hamburg lebte ein wunderschönes Paar selig und fröhlich im Patchwork mit ihren drei Kindern. Eines Tages sehnten sich die Eheleute nach einem Feriendomizil. Sie besuchten das kleine muckelige Haus am Lühedeich und nahmen sich seiner an. Von da an war es um sie geschehen. All ihr Geld und ihre Mühen opferten sie für das kleine Haus. Doch was sie fanden, war viel schöner und größer, als sie es sich je vorgestellt hatten. Es war ihr neuer Lebensmittelpunkt.

Jenny sitzt auf einem geblümten Polster vor dem neu erbauten Wintergarten. Der kleine Abschnitt soll mal die Terrasse werden. Sie lässt ihre Beine über die Mauer baumeln. Vor ihr erstreckt sich der Garten, oder das, was es mal werden soll. Gerade erst haben sie und ihr Mann Jan Erik einen Staketenzaun aufgebaut, ansonsten ist um das Haus herum noch nicht viel passiert. Der Kirschbaum blüht. Doch der Blick der neuen Besitzerin geht über die Lühe hinweg, nach Mittelnkirchen, und weiter, über die Apfelplantagen und Reetdachhäuser auf die andere Wasserseite, Richtung Elbe. „Wenn ich hier bin, schlägt mein Herz doppelt“, sagt die 43-Jährige. Vollkommen nachvollziehbar. Das, was sich Jenny und Jan Erik aufgebaut haben, im wahrsten Sinne des Wortes, ist etwas ganz Besonderes. Ein Schmuckstück voller Liebe und Details. Highlight ist, ja, was eigentlich? So vieles. Das Mobiliar im Neubau, dem hellen Wintergarten: der alte Esszimmertisch von Jennys verstorbenem Papa Frank mit seinen Stühlen und zwei weiteren aus der studentischen Wohngemeinschaft von Jan Erik in Rostock, sowie dem alten Stuhl seines Papas Jochen, der früher in dessen Werkstatt stand. Der Familientisch von heute vereint die Vergangenheit der Familie. Die große Treppe als Zentrum des Hauses, oder die auf alt gemachten Lichtschalter, der große Sekretär oder die Kochinsel mit Elb- und Lüheausblick. Da wären die schicken Badezimmer in Harmonie aus Alt und Neu. Und da wäre auch das Schlafzimmer im Obergeschoss. Das Ehepaar schläft mit selbigem Blick, den Jenny noch immer vor ihrem Haus genießt. Dass nicht nur sie beim morgendlichen Kaffee im Bett ganz Mittelnkirchen zu Gesicht bekommt, sondern ganz Mittelnkirchen auch sie und ihren Mann zu Gesicht bekommt, stört vor allem Jan Erik nicht. „Während ich ein Stück tiefer unter die Bettdecke rutsche, winkt Jan Erik schon mal“, erzählt die Neu-Altländerin. Die anfänglich lediglich weißen Gardinen ergänzten die beiden um eine weitere Schicht, so dass sie nachts blickdicht sind. 

Als die Visionsingenieurin und der Zahnarzt das Haus vor vier Jahren kauften, dachten sie zunächst, sie müssten nur ein wenig renovieren. Doch aus rechts und links ein bisschen Farbe wurde ein Teilabriss. Anschließend wurde die Hülle komplett entkernt, hinzu kamen ein neues Dach und ein Wintergarten, der viel Licht in die kleine Immobilie bringt. Die Kosten stiegen um das Dreifache. Als Teil der Deichweg-Siedlung steht das Haus wegen seiner geschichtlichen und städtebaulichen Bedeutung unter Denkmalschutz. Die Absprachen mit dem Amt ergaben sich als durchaus herausfordernd und kräftezerrend. Doch Jan Erik und Jenny gaben nicht auf. Als sie die wunderschönen rosafarbenen Badfliesen einer Manufaktur aus Sachsen-Anhalt bestellten, wuchs die Vorfreude auf die Fertigstellung so sehr, dass ihnen klar wurde: Dies kann nicht nur ein Feriendomizil werden, hier wollen sie leben. Mit Wildgulasch und Weihnachtsgeschenken im Gepäck  — ein Schokoweihnachtsmann im Eichenbalken erinnert an dieses besondere Ereignis — zog das Paar im Dezember ein. Eine Woche später aber schon wieder aus. Im Wochenwechsel sind sie im neuen Haus im Alten Land hier, und eine Woche mit ihren Patchwork-Kindern im alten Haus in Rissen. So wird es erst einmal bleiben, bis die Kinder (13, 15, 16) groß sind. Doch eins hat ihnen ihr Herz schon verraten. Im Alten Land wollen sie alt werden.

Info

Lohnt sich ein Blick in Ihr Wohnzimmer? Haben Sie eine spannende Geschichte zu erzählen? Schicken Sie uns ihre Bewerbung an adams@deichlust.de und schon bald klingeln wir bei Ihnen. DingDong