Alexander Krüger und seine Eltern Cornelia und Holger Ebel bezahlen die Fundstücke.
Alexander Krüger und seine Eltern Cornelia und Holger Ebel bezahlen die Fundstücke.

Vorsicht Fundgefahr – Kram dich glücklich.

Zwischen Murano-Glas, Benjamin-Blümchen-Kassetten und Mid-Century-Möbeln: Warum Menschen aus ganz Norddeutschland nach Stade fahren.

„Wir haben alles, was Sie brauchen. Was wir nicht haben, brauchen Sie auch nicht.“ steht auf dem Schild an der pinkfarbenen Kassenwand der Flohmarkthalle Stade. Doch so ganz stimmt das nicht. Denn Dirk und Marina Hitzke haben auf 3.800 Quadratmetern wirklich alles. ALLES. Sei es die Benjamin-Blümchen-Kassette von 1988, die orange-braune Streifen-Krawatte, das 35-teilige Blümchen-Kaffeeservice von Hutschenreuther, die 25 Jahre alten Oktoberfest-Bären aus Überraschungseiern, eine Pandora-Uhr oder ein Porzellan-Tiger von Royal Dux. Aber auch stapelweise Stühle und Tische, Porzellan und Geschirr aller Art, Alltagsbedarf, Klamotten, Elektrogeräte, Spielzeug, Bücher, Schallplatten, CDs, Kochtöpfe, Plüschtiere, … ALLES. Kellerleichen. Ladenhüter. Staubfänger. Was des einen Müll ist, ist des anderen Schatz.

Angefangen hat alles in einer Garage. Im Silicon Valley steht die Garage bis heute für den Mut, mit wenig Platz und großen Ideen loszulegen. Auch Dirk und Marina Hitzke starteten auf gerade einmal 30 Quadratmetern in einer Garage an der Freiburger Straße in Stade. Der Betrieb wuchs schnell. Aus der Garage wurden acht Hallen mit etwa 1.000 Quadratmetern. Als 2015 viele Menschen aus Syrien nach Stade kamen und ihren Alltag neu aufbauen mussten, stieg die Nachfrage nach günstigen Möbeln, Hausrat und Kleidung deutlich. Die Hitzkes bauten ihr Sortiment weiter aus. Heute ist die Flohmarkthalle gut sichtbar an der B73 im Gewerbegebiet Ottenbeck. Dort füllen Möbel, Geschirr, Kleidung und Kuriositäten inzwischen 3.800 Quadratmeter.

Ein Familienunternehmen ist sie bis heute geblieben. Vier der 19 Beschäftigten sind Kinder des Ehepaars. Einer von ihnen ist Patrick Hitzke. Einen festen Arbeitsplatz hat der 37-Jährige nicht. Heute Kasse, morgen Lkw, übermorgen Haushaltsauflösung.

Drei bis vier Haushaltsauflösungen übernehmen die Hitzkes jede Woche. Verwerten statt entsorgen lautet ihr Prinzip. Was noch gebraucht werden kann, wird mitgenommen und mit den Auftraggebern verrechnet. Pro Haushalt kommen dabei oft mehr als 120 Säcke zusammen. „Reich wird man damit nicht“, sagt Dirk Hitzke. „Aber es läuft gut.“ Unter der Woche richten viele Kunden mit den Fundstücken ihre Wohnung ein. Am Wochenende übernehmen die Schnäppchenjäger die Halle.

Auf Schatzsuche

Wer die Flohmarkthalle betritt, weiß nicht, wohin er zuerst schauen soll. Über den Köpfen hängen Dutzende Lampen und Kronleuchter wie ein zweiter Himmel. Rechts und links ziehen sich meterlange Metallregale bis tief in die Halle. Es ist kein chaotischer Wühltisch, sondern ein System. Glas bei Glas. Geschirr bei Geschirr. Bücher neben Schallplatten. Dazwischen sorgen Kuriositäten immer wieder für kleine Stopps: ein Indianer aus Gips, ein Schwein im Kochoutfit, eine weiße Porzellankatze, ein Weihnachtsmann mitten im Hochsommer oder Puppenwagen aus den Fünfzigern. Kaum hat das Auge ein Detail erfasst, wartet schon das nächste. Alles auf einmal wahrzunehmen, ist unmöglich.

Waren Sie schon im Keller? Da geht es weiter

Allein 560 Kartons Weihnachtsdekoration wurden Jahr für Jahr im Herbst eingeräumt und im Frühling wieder verstaut. Mittlerweile bleiben Weihnachtsmann und Schneekugeln im Verkaufsraum. Kerstin Seemann aus Stade sucht hier gerade einen Engel für ein Grab. Sie schätzt die Ordnung der Flohmarkthalle, kommt regelmäßig her. „Woanders gibt es so etwas wie uns auch – aber nicht so sortiert“, erklärt Hitzke den Erfolg der Flohmarkthalle. Tatsächlich ist hier nicht nur jede Warengruppe, sondern sogar jede Farbe fein säuberlich geordnet. Blaue Glasvasen stehen neben blauen Glaskaraffen, rote Blumentöpfe neben rosaroten Blumentöpfen. Eine Idee von Marina Hitzke, die sie von Anfang an konsequent umgesetzt hat – und die der Halle ihren unverwechselbaren Charakter verleiht.

Alles. Mit einer Ausnahme: Eiche-Rustikal

Gefragt sind derzeit vor allem Möbel im Mid-Century-Stil. „Alles außer Eiche-Rustikal“, betont Dirk Hitzke. Auch Kleidung aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren ist beliebt, inzwischen erleben selbst die 80er ein Comeback. Die Auswahl ist riesig – Sammler kommen hier ebenso auf ihre Kosten wie Vintage-Fans. „Klamotten laufen sowieso am besten“, sagt Hitzke. Gleich danach kommt der Kleinkram. „Die Ein-Euro-Artikel machen am Ende des Tages den Umsatz.“

„Nee, da fehlt das Kabel“, mischt sich Dirk Hitzke in ein Gespräch eines Pärchens ein. „Das kannst du aber im Internet ganz einfach nachkaufen. Sonst nimm die andere Musikbox, die hat eins“, ruft er den Hamburgern zu. Drei Monate Garantie gibt es auf alles mit Stecker. Die beiden Hamburger laufen zurück zum Regal. „Wir sind das erste Mal hier und total begeistert“, so Selina Gurny. Beide hatten die Flohmarkthalle von Freunden empfohlen bekommen. Zwei Stunden später stehen sie zufrieden an der Kasse. „Die waren hier sehr hilfsbereit“, meint Claas Voges. In Hamburg hätten sie so eine Goldgrube nicht. Vergleichbare Hallen seien viel kleiner und die Schätze viel teurer.

Selina Gurny und Claas Voges aus Hamburg sind zum ersten Mal in der Flohmarkthalle.

Haben ist besser als brauchen

„Ich schätze mal 80 Prozent unserer Kunden finden das, was sie wollen“, sagt der 55-Jährige. „Naja, oder etwas anderes.“ Das Ehepaar Cornelia und Holger Ebel hat die letzten zwei Stunden mit Sohn Alexander Krüger gestöbert. „Das hat sich gelohnt“, resümieren die Lüneburger, die durch einen Fernsehbericht im ZDF auf die Halle aufmerksam geworden sind. Sie wollen auf jeden Fall wiederkommen. Weihnachtsschmuck, Tafelbesteck und Salatbesteck, ein großer Stein, Holzdeko. Macht 32 Euro. Die Preise stehen an jedem einzelnen Stück. Den Marktwert ihrer Fundstücke recherchieren die Hitzkes im Internet, anschließend setzen sie ihre Preise bewusst darunter an. „Wir gehen 20 bis 30 Prozent runter“, erklärt Dirk Hitzke seine Preispolitik. Davon profitieren nicht nur Schnäppchenjäger, sondern auch Händler und Wiederverkäufer aus Hamburg und Berlin, die regelmäßig in der Flohmarkthalle stöbern. Doch trotz aller Kalkulation steht für die Hitzkes der Mensch im Mittelpunkt. „Handeln ist erlaubt“, sagt der Stader. „Wir wollen menschlich bleiben. Und wenn jemand wirklich gar kein Geld hat, verschenken wir auch mal etwas.“ Manchmal sogar unbewusst. Erst kürzlich fand ein ehrlicher Kunde einen 100-Euro-Schein in einer Jackentasche. „Den durfte er natürlich behalten. Sein Glück.“

3 Euro oder doch 2.000 Euro?

Gefragt ist in der Flohmarkthalle nicht nur Muskelkraft beim Räumen, sondern vor allem ein geschultes Auge. Zwischen Alltagsgegenständen können sich echte Raritäten verbergen – etwa eine Murano-Vase, die mehrere Tausend Euro wert ist oder das Thomas-Service für 280 Euro. Trotz aller Erfahrung liegt das Ehepaar Hitzke aber auch einmal daneben. So wechselte eine Figur, die später auf rund 2.000 Euro geschätzt wurde, für gerade einmal drei Euro den Besitzer. Dirk Hitzke nimmt es gelassen: „Dann ist das so.“

Für Aufmerksamkeit sorgten in den vergangenen Jahren viele Fernsehberichte: ProSieben-Magazin taff, Hallo Deutschland im ZDF, Sat.1-Frühstücksfernsehen, die NDR Nordtour. Sie haben alle schon über die Flohmarkthalle berichtet. Einen regelrechten Boom brachten jedoch die Sozialen Medien. „Der Hype kam durch einige Influencer, die ihren Besuch auf TikTok und Instagram gezeigt haben“, sagt Dirk Hitzke. Seitdem reisen vor allem junge Menschen aus Hamburg gezielt für verborgene Schätze und den Flohmarktzauber nach Stade. „Wir hatten sogar schon Kunden aus Kalifornien hier“, erzählt Patrick Hitzke. Und: „Es sind auch schon Reisebusse mit Touristen vorgefahren.“

Wer sucht, der findet

Goldrausch an der pinken Kasse. Der Einkaufswagen von Emily, Livia und Lisa ist bis oben hin gefüllt. Schals, Jeans, Blazer, Kleider – Fundstück über Fundstück. „Wir waren bestimmt schon tausendundein Mal hier“, sagt Livia. Die drei verbringen ganze Nachmittage zwischen den Kleiderständern. Das eigentliche Vergnügen ist das Suchen. „Die Hälfte fliegt wieder raus“, sagt sie. Der Rest wird gekauft – und später umgenäht. „Hier gibt es mehr, als man will“, sagt Lisa. Vielleicht hatte das Schild an der Kasse doch recht. Was die Hitzkes nicht haben, braucht vermutlich niemand.

Deichlust

Text: Mona Adams · Fotos: Volker Schimkus