„Hallo Taxi, wir müssen auf die Elbe“

Zig Schiffe sind jeden Tag auf der Elbe unterwegs. Wenn deren Besatzung wechseln muss oder irgendetwas an Bord benötigt wird, klingelt das Telefon bei Eik von Ahn. Seit 2011 führt er die Bugsier- und Reededienst von Ahn GmbH in dritter Generation. Für die Schifffahrt auf der Elbe ist er rund um die Uhr im Einsatz.

Es gibt Tage, an denen ist Eik von Ahn überzeugt, dass er einen echten Traumjob hat. Dieser Montag im August ist so einer. Um 11 Uhr glitzert das Wasser der Elbe in der warmen Sommersonne. Es ist windstill. Oben am Himmel ziehen in Zeitlupe Kinderbuch-Wattewolken vorbei, unten spritzt die weiße Gischt. Eik von Ahn setzt die Sonnenbrille auf und drückt den Hebel weiter nach vorn. Sein Speedboot saust über die Elbe. Die Haare von Bootsfrau Birgit Kohrs-Holst wehen im Wind. Sie lacht.

Nach wenigen Minuten erreichen die beiden einen LPG-Tanker, der flüssige petrochemische Gase transportiert. Das kleine Boot hüpft über die Wellen und legt dann Backbord, also auf der linken Seite des Tankers, an. Ein Mann klettert die Strickleiter an der Bordwand hinab und nimmt vorn auf dem Speedboot Platz. Der Vermessungstechniker hat seinen Job an Bord des Tankers erledigt und will zurück an Land. Seine Sachen werden in einem Eimer an einem Haken heruntergelassen, Bootsfrau Birgit Kohrs-Holst nimmt sie entgegen. Sie sorgt für die Sicherheit an Deck, kümmert sich um die Passagiere und übergibt die Ladung. Als alle wieder sitzen, gibt Eik von Ahn Gas. Er bringt den Fahrgast sicher in den Seehafen Stade und kehrt dann zu seinem Anleger an der Schwinge in Stadersand zurück.

Besatzungswechsel: Die Pagensand (unten rechts) bringt regelmäßig Schiffspersonal raus auf die Elbe. Oben rechts das Baggerschiff Kaishuu.

Birgit Kohrs-Holst befestigt das Speedboot am Anleger, ihr Chef eilt davon. Kurz darauf fährt er mit einem Kleinbus vor. Dem Geschwindigkeitsrausch auf dem Wasser folgt eine gemächliche Überlandfahrt nach Neuhaus an der Oste. In der Bootswerft von Bootsbaumeister Martin Skadow liegt ein Ponton, der mit dem Schlepper HS 19 auf die Oste gebracht werden muss. Das Bauunternehmen aus Hechthausen, dem Ponton und Schlepper gehören, hat einen neuen Kapitän. Weil der noch nicht geübt ist, springt Eik von Ahn ein, um Ponton und Schlepper durch den engen Priel hinaus auf die Oste zu manövrieren. Über die Elbe wird der Ponton später in die Stör gebracht, wo ein Bagger für Böschungsarbeiten darauf stehen wird. Aber so weit ist es noch nicht.

Das Manöver in Neuhaus verlangt viel Gefühl. Werftchef Martin Skadow vertäut sein kleines Arbeitsboot fix mit dem vorderen Ende des Pontons, um es bei Bedarf unterstützend drücken oder ziehen zu können. Eik von Ahn übernimmt das Steuerrad des Schleppers, der Schiffsführer des Bauunternehmens schaut ihm über die Schulter. Birgit Kohrs- Holst steht auf dem Ponton und behält den Abstand zu liegenden Booten und der Uferböschung im Blick. „Der Graben hier ist nicht breit“, sagt sie, während sie die Leinen vom Ponton los macht. Sie ist über Funk mit ihrem Chef verbunden und wird ihm Ansagen zum manövrieren geben. Martin Skadow und Anke Sawatzki unterstützen das Manöver bei Bedarf mit demArbeitsboot.

Auf der anderen Seite, im kleinen malerischen Yachthafen von Neuhaus, halten zwei Radfahrer. Das Wendemanöver wollen sie sich nicht entgehen lassen. Langsam zieht der Schlepper den Ponton vom Anleger weg. Eik von Ahn dreht den Verband „auf dem Teller“, um den Ponton durch den Priel drücken zu können. „Guck mal, wie das vorne passt“, knistert seine Stimme aus dem Funkgerät, das am Hals seiner Bootsfrau baumelt. „Läuft gut“, sagt sie. „Das sind locker zwei Meter bis zur Miss Sophie.“ Keine Gefahr für das kleine Boot und den Ponton. Die erste Hürde ist gemeistert. Doch ehe der Priel in die Oste mündet, muss der Schiffsführer eine 90-Grad-Kehre meistern. Eine Prigge zeigt ihm, auf welcher Seite das Wasser hier tief genug ist, um den Verband sicher hindurchzubugsieren. „Eik ist eigentlich zu schnell“, warnt Martin Skadow. „Machst du ein bisschen langsamer?“, gibt Birgit Kohrs-Holst an den Schlepperkapitän weiter. Geschafft, der Ponton ist auf der Oste. Auf der anderen Flussseite liegt eine Schute, an der die Crew den Verband festmacht. Ab hier übernehmen der Schiffsführer des Bauunternehmens und ein Bootsmann.

Eik von Ahn und Birgit Kohrs-Holst klettern rüber in das Boot von Martin Skadow. „Jeder Seemann ein Artist. Zwei Seemänner ein Zirkus“, lacht Birgit Kohrs-Holst und setzt sich. Auf von Ahn wartet bereits der nächste Auftrag. Nach einem kurzen Plausch unter Seemännern steigen die Dienstleister wieder in den Bus und fahren zurück nach Stade. Alle paar Minuten klingelt sein Handy. Touren für die kommenden Tage werden angefragt, Zeiten bestätigt.

„Bei uns ist alles sehr unkompliziert und flexibel, das schätzen die Kunden.“

Auch als Festmacher ist Eik von Ahn im Seehafen Stade im Einsatz. Ein Anruf und er steht bereit, um ankommende Schiffe für die Verladung am Pier zu vertäuen. „Mein Hauptanliegen ist es natürlich, meine eigenen Schiffe zu bewegen“, sagt der Unternehmer. Jobs wie der als Werftkapitän in Neuhaus seien aber eine willkommene Abwechslung.

Neben dem schwarzen Speedboot, kurz RIB, hat Eik von Ahn das Versetzboot Pagensand, den Schlepper Stadersand und die Schleppbarkasse Windrose, mit der sein Vater und Großvater vor allem unterwegs waren, in Stadersand liegen. Außerdem die Schwingeflair, die für Ausflugsfahrten und Feiern gebucht werden kann. Bis zu 50 Personen finden an den Tischen im urigen Inneren Platz, von Ahn arbeitet eng mit einem Cateringservice aus dem Alten Land zusammen. Sein Hauptgeschäft aber ist der Personentransfer auf der Elbe. Das sind vor allem die Besatzungen der Baggerschiffe, die auf der Elbe unterwegs sind, um den Schlick aus der Fahrrinne zu holen. Um die Fahrrinne auf Solltiefe zu halten, wird hier ständig gebaggert und umgelagert. Eik von Ahn hat gut zu tun, die großen Baggerschiffe sind rund um die Uhr auf der Elbe unterwegs und fahren nur selten einen Hafen an. Wenn an Bord etwas benötigt wird, Personal oder Proviant, klingeln sie bei Eik durch. Da kann es schon mal vorkommen, dass er dem Smutje eines Baggerschiffs 15 Kilogramm Gemüsezwiebeln vorbeibringt.

Der Bau des neuen LNG-Terminals in Stadersand beschert dem Bugsier- und Reederreidienst von Ahn zusätzliche Arbeit. Ein riesiger Bagger löffelt das neue Hafenbecken aus. Alle zwei Stunden ist die nebenstehende Schute voll und bringt das Baggergut rüber nach Stadersand, wo es deponiert wird. In etwa vier Jahren soll der Kleiboden für Deicherhöhungsarbeiten eingesetzt werden. 12 Stunden arbeiten die Männer auf dem Bagger, dann ist Schichtwechsel. Jeden Tag. Und weil die Männer irgendwie vom Land aufs Wasser und zurück kommen müssen, starten Eik von Ahn und Birgit Kohrs-Holst seit Februar morgens und abends jeweils gegen halb sieben ihr Wassertaxi.

Was Eik von Ahn mit seiner kleinen Mannschaft anbietet, ist eine Nischendienstleistung.

„Wenn wir das nicht machen würden, hätten einige Reedereien es nicht mehr so komfortabel“, sagt er.

Es gibt nicht viele Anbieter in diesem Bereich. Auch weil tideunabhängige Anlegeplätze an der Unterelbe knapp sind. Als sein Vater sich vor einigen Jahren zur Ruhe setzte, hat Eik von Ahn den Familienbetrieb übernommen. Schon als kleiner Junge war er mit seinem Großvater auf der Elbe unterwegs, hat dann aber erst einmal 20 Jahre lang als Elektrotechniker gearbeitet, ehe er voll in die Elbe-Schifffahrt einstieg. Heute begleitet ihn gelegentlich seine Tochter, 17, die gerade ihren Sportbootschein gemacht hat. Ob sie das Unternehmen eines Tages fortführt, steht in den Sternen. „Das muss man sich gut überlegen“, sagt Eik von Ahn. Er sei in der Frage für alles offen. „Wir sind rund um die Uhr in Einsatzbereitschaft, fahren bei Wind und Wetter raus und der Umgang mit den Kunden ist in den vergangenen Jahren auch nicht unbedingt leichter geworden.“

Birgit Kohrs-Holst ist seit knapp zwei Jahren mit an Bord und genießt die Arbeit am und auf dem Wasser. Vorher war sie 31 Jahre lang als selbstständige Tischlermeisterin tätig. Die Modernisierungen der Innenausstattung von „Schwingeflair“ und „Pagensand“ sind ihr Werk. „Ich war es leid, ein Unternehmen zu führen, alle Termine selbst machen zu müssen“, sagt sie. „Jetzt genieße ich die frische Luft und die Weite, den Mix aus spannender Betriebsamkeit und großer Ruhe.“ Im nächsten Jahr möchte sie die Schiffsführerprüfung ablegen.

Zurück in Stade parkt Eik von Ahn den Bus. An seinem Anleger stehen große Koffer und Reisetaschen, vier Männer warten. Auf dem Baggerschiff Kaishuu steht ein Teilbesatzungstausch an. Sechs Wochen bleiben die Männer ununterbrochen an Bord, dann haben sie sechs Wochen frei. An diesem Nachmittag kommt die Kaishuu aus dem Hamburger Hafen und hat rund 16.000 Kubikmeter Schlick geladen. An Bord der Pagensand bringt Eik von Ahn die frischen Kräfte raus auf die Elbe. Er nimmt Kontakt zum Lotsen des Baggerschiffs auf und meldet sein Eintreffen, bevor er sein Boot behutsam näher an das Baggerschiff steuert. „Ich nehme jetzt die Geschwindigkeit der Kaishuu auf“, erklärt er. Bei 7 Knoten, rund 13 Stundenkilometern, macht er längsseits an der Kaishuu fest. An diesem Tag ist die Elbe ruhig, bei Sturmböen ist die Aufgabe heikler. Der Sog des großen Baggerschiffs hält das Versetzboot an der Bordwand. In einem Big Bag schwebt das Gepäck der Männer, die in den Urlaub gehen, heran. Birgit Kohrs-Holst öffnet den Haken, hievt die Koffer an Bord und dann die Gepäckstücke der ankommenden Kollegen in den Big Bag. Der Kran von der Kaishuu hebt es kurz darauf wieder über die Reling an Bord. Die Männer steigen die Jakobsleiter hinauf. „Wenn das Schiff nicht voll beladen wäre, hätten die jetzt nochmal vier Meter mehr zu klettern“, sagt Eik von Ahn. Wenig später haben Jacob, Jacob und Michael in Stadersand das erste Mal seit sechs Wochen wieder festen Boden unter den Füßen. Am nächsten Morgen fliegen sie in die Heimat nach Polen.

Auch für Eik von Ahn und Birgit Kohrs-Holst rückt der Feierabend näher. Um halb sieben bringen sie zunächst einen Festmacher zur Hafenbeckenschlick-Entladestelle in Stadersand. Während er die Übergabe mit seinem Kollegen macht, fährt die Pagensand, jetzt mit Birgit Kohrs-Holst am Ruder, weiter zum Bagger „Peter the Great“ und lässt die an Bord verbliebenen Männer hinübersteigen. Sie übernehmen gleich die Nachtschicht. 15 Minuten dauert die Übergabe von der Tag- an die Nachtschicht, dann klettern neun erschöpfte Männer an Bord, unter ihnen auch der Koch des Baggers. Die Pagensand düst rüber zur Entladestelle, um den abgelösten Festmacher einzusammeln. Der Koch reicht noch zwei große Plastikschalen rüber – Verpflegung für die Nachtschicht.

Gegen 19.30 Uhr verlassen Eik von Ahn und Birgit Kohrs- Holst den Anleger und nicken sich zu. Am nächsten Morgen treffen sie sich an gleicher Stelle wieder. Wenn sie Glück haben, erleben sie einen weiteren Traumtag auf der Elbe.

Deichlust

Text: Leonie Ratje · Fotos: Volker Schimkus